Was diesem Mann an unschuldiger Musik unter die Hände und Füße kommt, verwandelt sich nicht immer zum Guten. Die Kompositionen werden gestylt und lackiert, bekommen Rouge ins Gesicht und High Heels an die Füße, und manchmal klingen sie nach Revue, nach Mummenschanz, zuweilen auch nach Bordstein. Cameron Carpenter ist eines der grellsten Phänomene der internationalen Musikszene: Er ist Organist und unfassbar virtuos. Kathedralen und Konzertsäle füllt er ohne Mühe. Mit seinen Glitzerklamotten und den femininen Organistenschühchen gebärdet er sich so exzentrisch, wie er gar nicht sein will. Als Künstler ist er bestrebt, seriös bis in die Spitzen seines gegelten Haars zu sein. Nur will das niemand glauben, denn so einer – der muss ein bad boy sein. Ist er das, oder hat er bloß eine radikal eigene Sicht auf Performance und auf Werktreue?

Carpenter, 1981 in Pennsylvania geboren, war schon als Kind ein Exot. Mit vier Jahren saß er erstmals an einer Kirchenorgel; mit elf Jahren spielte er stolzen Hauptes das gesamte Wohltemperierte Klavier Bachs. Ein bisschen erinnert er mit seinem übergriffigen, prahlenden Talent an Glenn Gould – und tatsächlich hat er ein Porträt des kanadischen Wunderpianisten in seiner Bücherwand stehen. Anders als sein Vorbild, der manchmal lümmelig aufs Podium kam und ungesund lebte, ist Carpenter ein adretter Vitalprotz, der vor jedem Konzert einem Gesundbrunnen und dem Sessel eines Coiffeurs entstiegen zu sein scheint. Yoga, Pilates und Liegestütze für die Durchblutung des Oberkörpers – mit solchen Programmen hält sich Carpenter fit. Das muss er auch, denn sein Aktionsradius ist weit. In diesen Tagen spielt er in den USA, fliegt dann nach Australien, und den Sommer verbringt er in Deutschland. In Berlin wird er künftig alljährlich die Orgelkonzertreihe in der Philharmonie eröffnen. Beim Schleswig-Holstein Musik Festival nimmt er am 17. August in Lübeck den Leonard Bernstein Award konzertierend entgegen, zuvor ist er in Trier (14. Juli) und Wiesbaden (15. August) zu erleben. Auf ein gedrucktes Programm wird man dort und anderswo vergeblich warten, denn ein Cameron Carpenter entscheidet stets an Ort und Stelle, was er mit einer Orgel anstellen kann. Ist diese Entscheidung gefallen, wird sie einen Höllenritt erleben.

Für seine CD mit dem Titel Revolutionary bekam Cameron Carpenter 2009 eine Ehrung, die Orgelsolisten bislang verwehrt war: Er wurde für den Grammy nominiert. Auf dieser CD bemächtigt er sich auch der bekannten Toccata und Fuge d-Moll von Bach, die nun allerdings klingt wie ein Satz aus der Symphonie fantastique von Hector Berlioz, irgendwo zwischen transsylvanischem Schloss und Edgar Wallace. Daneben stampft der Mephisto-Walzer von Liszt, prickelt eine Carmen -Paraphrase – und ein eigenes Opus hat Carpenter einem wirklich bösen Jungen der Kulturgeschichte gewidmet: dem Schauspieler Klaus Kinski, dessen Getriebenheit ihm nahe ist.

In der Tat ist Carpenters Repertoire nicht dasjenige konventioneller Organisten, die mit dem alten Bach beginnen und mit Max Reger aufhören. Ihm ist diese Welt zu klein und wohl auch zu klerikal, für ihn ist die Orgel ein heidnisches Instrument, das einzig in die Welt gesetzt wurde, um seine atavistischen Gelüste und seinen Spieltrieb zu befriedigen. Musik auf der Orgel muss Spaß machen, sexy sein, sich unablässig verändern. Carpenter lässt die Orgel Songs der Beatles oder von Kate Bush säuseln, die 5. Symphonie cis-Moll von Gustav Mahler ächzen; Carpenter schleppt Chopins Revolutionsetüde an und ist mit seinen Beinen bei den Bassläufen schneller als viele Pianisten mit ihren linken Händen. Dazu braucht man natürlich Muskeln aus Stahl, sonst wird es nichts.

Neulich spielte Cameron Carpenter im für organistische Sensationen eher unverdächtigen Mönchengladbach – doch welch Wunder: Die Marienkirche platzte fast, da saß ein durchweg junges Publikum, kaum ein Gemeindemitglied, umso salbungsvoller sprach der Pfarrer, zwei Videoleinwände übertrugen Carpenters Spiel von der Orgelempore für die Zuschauer – und sie sahen einen Zappelphilipp. Kaum ein Takt, in dem er nicht mit roboterhaft schnellen Griffen einen Registerknopf zog oder wegdrückte (eine Sechzehntelpause dafür fand sich immer). Der Pedalschweller war unablässig im Einsatz.

Im ersten Teil beschäftigte er sich mit Johann Sebastian Bach, und dieser Bach war bizarr, warf wulstige Rubati, badete im Kitsch und war doch nicht selten prachtvoll. Er hasst jedoch alles Lineare; wo Bach nur eine einzige und gleichbleibende Registrierung empfahl, beginnt Carpenter schon mal im mysteriösen Pianissimo, mit kauzigen Spaltklängen, die er in ein absurd originelles Crescendo überführt. Das ist ein bisschen viel Action für eine Kunst, deren Majestät eher in der Ruhe liegt. Wenn die Maschine Carpenter einmal aufs Pedal tritt, sollte niemand nach Tempolimits fragen; Formalien interessieren ihn nicht. Da trifft er sich ideell mit Glenn Gould: Der Künstler ist der zweite Schöpfer von Kunst, mitnichten ein Angestellter des Komponisten.