Diese Geschichte beginnt in einer französischen Badewanne. Es war 2003, da trafen sich die Schwestern Bianca und Sierra Casady in Paris, wo Sierra Operngesang studierte. In ihrer Badewanne, so will es die Legende, nahmen sie ihr Debütalbum La maison de mon rêve auf. Mit einer gewöhnungsbedürftigen Mischung aus kindlichem Gequengel, klassischem Gesang, elektronischen Klängen und Instrumentarien wie Föhn und Popcornmaschine fanden sie als CocoRosie nicht nur schnell eine große, bisweilen fanatische Gemeinde von Anhängern.

Auch durch ihren (sämtliche Gesellschafts- wie Geschlechterordnungen fröhlich ignorierenden) Modegeschmack haben sie sich einen veritablen Ruf erarbeitet: Sie sind die »Twisted Sisters«, »moderne Feen«. Ihre Musik ist je nach Belieben Freak- oder Weird Folk. Alle diese Beschreibungsversuche sollen eines verschleiern – und zeigen es doch umso deutlicher: die Unmöglichkeit, diese Schwestern oder ihre Musik einzuordnen. 2010 haben die beiden Amerikanerinnen ihr viertes, bislang letztes Album veröffentlicht: Grey Oceans . Die Fans verehren sie noch immer, aber auch das Establishment weiß ihren Kultstatus für sich zu nutzen. BMW und Escada machen Werbung mit ihrer Musik, als wollten sie mit einem verschwörerischen Zwinkern fragen: Sind wir nicht alle ein bisschen Freak?

Die Schwestern benehmen sich, als ginge sie das alles nichts an. Ende März waren sie für einige Wochen in Deutschland, um ihr jüngstes Großprojekt auf die Beine zu stellen: das Tanzstück Nightshift unter Biancas Regie, die Oper Soul Life unter Sierras Leitung, dazu ein Doppelkonzert mit befreundeten Künstlern, Die achte Nacht . Noch mehr Künstler werden sie in den sechs »Curated by CocoRosie«-Konzerten zusammenbringen, und für das Videoprojekt Harmless Monster schließlich durften auch die Fans kreativ werden. Das gesamte Großprojekt war an einem Wochenende im österreichischen Krems, beim diesjährigen Donaufestival, zu sehen. Tanzstück und Konzert wurden vorab bereits vor ausverkauftem Haus am Hamburger Kampnagel-Theater aufgeführt. Hier sollten die Schwestern auch über sich und ihr Projekt sprechen. Und das ist ganz offensichtlich nicht ihre Lieblingsbeschäftigung.


Sierra, jene Schwester, von der es heißt, sie habe als Kind lieber mit Tieren als mit Menschen gesprochen, kommt gut zwei Stunden zu spät zum Treffpunkt. Dann setzt sie sich zuerst einmal an den Tisch der Band, um zu essen. Ihre Verspätung ist keine von der allürenhaften Sorte, die zeigen soll, wer hier der Star ist. Es ist eher, als wollte sie damit gar nichts zeigen. Als gälten in ihrer Welt einfach andere Regeln, eine andere Zeitrechnung. Sierra Casady, die bald 32 wird, trägt einen Sweater mit Comic-Druck, darüber eine Latzhose. Ihr langes Haar ist so schwarz, dass es blau schimmert. Sie ist außerordentlich schön. Sierra antwortet in Bruchstücken, es wirkt, als schaue sie ihren Gedanken nach.

Sie proben schon an ihrer Oper, aber »ich weiß auch noch nicht viel darüber. Ich will keine Wände oder Grenzen aufziehen – alles wird kommen«. Es soll um die Geschichte einer Seele gehen, die durch verschiedene Leben reist. Ein »New Age Musical«, wie es heißt. Entsprechend weiß Sierra zu erzählen, die Idee sei ihr im Traum gekommen. Mithilfe dieser Oper will sie etwas über sich selbst lernen. Eine Aussage über die Welt da draußen, das Publikum, all das ist offensichtlich nur sekundär. »Wir haben eine kleine Pause vom Karriere-Modus gemacht, nur noch intime Sachen versucht«, sagt Sierra. »Das Tanzstück und noch mehr die Oper waren für mich Sachen, bei denen ich die Welt wegfallen lassen konnte und nur noch auf unsere innere Natur reagierte.«