Das vielleicht schönste Kunstwerk dieses Sommers ist ein Wurm. Nicht so ein dünnes, schleimiges Ding, sondern ein wahres Königsexemplar, 40 Meter lang, 10 Meter Durchmesser. Elegant macht er sich lang am Strand von Wenduine. Vier Wochen hat der finnische Künstler und Öko-Architekt Marco Casagrande gebraucht, ihn in den Dünen der belgischen Nordseeküste anzusiedeln, erst dann hatten er und sein Expertenteam ihn fertig geflochten – der sanft geschwungene, dreigliedrige Körper des Sandwurms besteht aus Tausenden von Weidenzweigen. Sogar begehbar ist das graugrüne Wesen, die Mäuler an beiden Enden sind rund um die Uhr weit geöffnet für Strandspaziergänger, Badeurlauber, Kunstfreunde. Im Bauch des Ungetüms entwickelt das Geflecht einen gewaltigen optischen Sog, unterbrochen nur von einer runden Öffnung am höchsten Punkt, so wie beim Pantheon in Rom. Plötzlich wandelt sich der Wurm zur Kathedrale, die Weiden formen ein filigranes Maßwerk zur Feier der Natur.

Casagrandes Wurm ist nicht das einzige seltsame Wesen, das die Küste zwischen Zeebrugge im Norden und de Panne an der französischen Grenze bevölkert. Ein Rudel wilder, ohr- und schwanzloser Hunde hat der Italiener Paolo Grassino zwischen den Strandposten 4 und 6 in Bredene von der Leine gelassen. Soeben, so scheint es, haben die Streuner aus Gummi und Stahl drei ineinander verkeilte Autowracks inspiziert auf der Suche nach Beute. Triumphierend steht noch einer auf der höchsten Motorhaube, während der Rest schon weiterstrebt, dem Meer zu. Unheimlich ist das: Der Mensch hat seine Sache vor die Wand gefahren, seine treuen Begleiter brechen ungerührt auf zu neuen Ufern. Und nur ein wenig weiter nördlich steht der Olnetop staksig im Strandhafer. Oder ist es die Olnetop ? Oder das? Der niederländische Bildhauer Nick Ervinck ersinnt für seine Skulpturen Namen, die bei einer Google-Suche keine anderen Treffer generieren als eben seine Arbeit. Ob das knallgelbe Ding aus Polyurethan auf seinen drei silbernen Beinen also Männlein oder Weiblein ist, lässt sich so genau nicht sagen. Das aufspritzende Wasser einer sich brechenden Welle habe bei der Form Pate gestanden, sagt der Künstler. Explodierender Rieseneidotter träfe es aber auch ganz gut. Oder entlaufener Alien aus einem Bild von Dalí.

Ein Hingucker jedenfalls, und darum geht es bei Beaufort, der »Triennale für Gegenwartskunst am Meer« , die in diesem Jahr zum vierten Mal stattfindet. 2003 hatten sich die zehn Küstengemeinden erstmals zusammengetan, um ihre Promenaden und Strände mit Skulpturen zu beleben. Wurde auch höchste Zeit, wird vielleicht mancher sagen, denn die belgischen Seebäder sind ein, nun ja, spezieller Fall von Baukultur. Plattenbau am Strand – das bedeutet Meerblick für viele, aber besser nicht umdrehen und zum Land schauen... Damit die Touristen außer Sand und Wasser trotzdem was Schönes zum Gucken haben, gibt es Beaufort, benannt nach der Maßeinheit für Winde. Arbeiten von 30 Künstlern aus allen Ländern Europas verteilen sich diesmal auf die Küste, dazu kommen Skulpturen, die aus früheren Triennalen angekauft wurden und längst zu Fixpunkten an den Promenaden geworden sind, Jan Fabres bronzene Riesenschildkröte zum Beispiel, die mit ihrem goldenen Reiter auf einem niemals endenden Weg ins Meer ist. Oder Daniel Burens Windsackinstallation, in der ihre immer gleichen bunten Streifen endlich mal in Wallung geraten – wenn denn der Wind es will.

Beaufort04 ist wie ein 67 Kilometer langes Musterbuch für die Möglichkeiten der Kunst im öffentlichen Raum. Wer sich auf den Weg macht, zu Fuß, mit dem Rad oder in der längsten Straßenbahn der Welt, die alle Küstenorte miteinander verbindet, der lernt eine Menge über Proportionen. Wie schwer es ist, in der Weite eines Strandes die richtige Größe zu finden zum Beispiel (der künstliche Findling der Schweizer Brüder Chapuisat aus Spritzbeton ist einfach ein paar Nummern zu klein geraten). Oder der Versuchung zu widerstehen, sich plump beim Ferienpublikum anzubiedern (die Riesenhörrohre des Letten Ivars Drulle zum Belauschen des Meeres sind von grandioser Einfalt). Und wie leicht man mit wenigen Strichen und ein paar an die Wand gekritzelten Bemerkungen eine leerstehende Villa in eine komisch-böse Geisterbahn verwandelt (Nedko Solakow, der bulgarische Lieblingsironiker des Kunstbetriebs, braucht dafür nur einen Filzstift). So wie sich im Logo von Beaufort04 die Linien einer Kalt- und einer Warmfront gegenüberstehen, so lernt man in dieser Freiluftschule des Sehens zu unterscheiden zwischen gut gemeint und gut gemacht, zwischen Tourismusmarketing und echter Kunst.

Das ist schon eine Menge, aber längst noch nicht alles, was Flandern in diesem Jahr in Sachen Kunst zu bieten hat. Wer unsere Nachbarn für die biertrinkenden Allesfrittierer aus Asterix bei den Belgiern hält, lernt sie nun als mutige Avantgardisten kennen, die sich selbstbewusst zwischen der Documenta in Kassel und der Kulturolympiade in London positionieren. Visual Arts Flanders nennt sich ein »Cluster« aus mehreren zeitgenössischen Kunstanstrengungen, der sich von der Küste bis in die kaum bekannte Bergarbeiterstadt Genk (nein, nicht Gen t , Gen k !) in der Provinz Limburg erstreckt. Dort wird, vom 2. Juni an, die Manifesta Station machen, die »europäische Biennale zeitgenössischer Kunst«, eine Art Documenta auf Reisen, die von Rotterdam über Lubljana bis Murcia schon den ganzen Kontinent durchwandert hat.

Nun also Genk, 65.000 Einwohner, Erfahrung mit moderner Kunst: null. Aber mit einer Sensation gesegnet: dem Hauptgebäude der ehemaligen Mine Waterschei. 1906 erst wurde in der Gegend Kohle entdeckt, schnell entstanden um drei Gruben herum großzügig geplante Retortensiedlungen, die mehr schlecht als recht zu einer Stadt zusammenwuchsen; bis heute fehlt ein echtes Zentrum. 80 Jahre und 72 Millionen Tonnen Kohle später war schon wieder Schluss, der Boden bis in 1.000 Meter Tiefe leer gekratzt, die Stadt noch da und in ihr neben den belgischen Kumpeln all die angeheuerten Arbeiter aus Polen, Italien, Griechenland, Portugal, Marokko, der Türkei. Und Waterschei, eine bröckelnde Kathedrale des Industriezeitalters, über der sich ein funktionsloser Förderturm in den leeren Himmel reckt. Wie unter einem Brennglas, kleiner, aber auch schärfer als im Ruhrgebiet stellen sich hier all die großen Fragen nach dem Wohin einer postindustriellen Gesellschaft – wohin mit den Menschen, den Ruinen, den verlorenen Träumen?