DIE ZEIT: Herr Goebbels, die Ruhrtriennale findet in Ruinen der Industriekultur statt, in der kathedralenhaften Jahrhunderthalle in Bochum, in der sogenannten Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg Nord, im Maschinenhaus der Essener Zeche Carl und anderen spektakulären Gebäuden. Geht von diesen Spielstätten eigentlich eine kunstverändernde Kraft aus, oder sind sie auch nur ein schickes Festspielambiente wie die Salzburger Festspielgasse mit der Burg im Hintergrund?

Heiner Goebbels: Das hängt ganz davon ab, was darin gespielt wird. Aber für mich geht von den Orten sehr wohl ein großer Kraftgewinn für die Kunst aus. Ich glaube allerdings, dass konventionelles Theater an den Spielstätten der Ruhrtriennale nicht wirklich funktioniert. Die Räume lassen eine gewisse Form von überhöhten Gesten, pathetischer Sprache und aufgesetzter Hemdaufreißerei nur lächerlich erscheinen. Deshalb haben wir Künstler eingeladen, deren Ästhetik näher an der Performance und an der bildenden Kunst ist. Sie wissen sehr genau, dass man ein Stück nicht unabhängig vom Raum oder gar gegen den Raum bauen kann. Das erlebt man ja oft am Theater: Ein Regisseur hat eine Idee und versucht, diese mit allen Mitteln gegen die Möglichkeiten der Darsteller, des Raums und womöglich auch noch gegen den Stoff durchzusetzen. So ein Kunstbegriff ist mir fremd.

ZEIT: Was entspricht Ihrem Kunstbegriff?

Goebbels: Ich gehe in meinen eigenen Arbeiten nie von vorgeformten Ideen aus, sondern reagiere auf Fragen, die die Räume, Texte, Musik oder Personen im Produktionsprozess mit sich bringen. Dann kann vielleicht etwas entstehen, das mich im besten Fall selbst genauso überrascht wie das Publikum und die Menschen, mit denen ich das zusammen erarbeitet habe. Auch hier bei der Ruhrtriennale wurden in der Vergangenheit manchmal Visionen in einen Raum gezwängt, die da nicht wirklich hineinpassten. Das soll es nach Möglichkeit bei mir nicht geben. Ich will in eine große schöne Halle keine Blackbox bauen. Ich möchte Arbeiten produzieren oder einladen, die durch den Aufführungsort an Kraft gewinnen.

ZEIT: Die Spielorte sind nicht aus dem Bedürfnis nach Kunst entstanden. Es sind Industriebrachen, mit denen man nichts mehr anzufangen wusste und sie deshalb zu Kulturstätten erklärt hat. Ist es nicht eine Art Voodoo-Glaube, dass ein Industriegemäuer der avancierten Kunst zusätzliche Energie verleihen könnte?

Goebbels: Wenn eine Arbeit in einem solchen Raum entsteht, sieht man ihr das auch noch an, wenn sie zehn Jahre danach woanders zu sehen ist. Der Arbeit wohnt immer noch etwas von ihrem ursprünglichen Entstehungsort inne: in der Art, wie die Musiker sich bewegen, wie das Lichtkonzept ausgelegt ist, wie die Kabel verlegt werden. Man sieht – wie der Medienkritiker Georg Seeßlen es einmal ausgedrückt hat – "jedem Theaterstück nicht nur an, wie miteinander umgegangen wurde und ob der Regisseur ein Arschloch ist", man sieht auch, unter welchen Bedingungen und in welchen Räumen es entstanden ist. Der Raum gehört zum Material. Mir ist wichtig, dass Kräfteverhältnisse auf der Bühne präsent werden, die nicht nur von den agierenden Subjekten erzeugt werden.

ZEIT: Also auch die Kräfte zwischen Raum und Personen...

Goebbels: Ja. Als wir einmal in Adelaide eines meiner Stücke auf die Bühne eines konventionellen Theaters setzten, sagte ich zu den Bühnenarbeitern: Alle Vorhänge müssen weg, ich will die Rückwand sehen. Der Raum hinter den Vorhängen wurde aber als Lager genutzt. Wir räumten also erst mal alles weg. Und plötzlich hatten wir einen Widerstand auf der Bühne in Form einer realen Brandmauer. Diesen Aufwand muss ich hier bei der Ruhrtriennale nicht betreiben, der ist sozusagen inhärent.

ZEIT: Die Brandmauer ist für Sie keine Dekoration?

Goebbels: Nein. Ich spür bis in die letzte Reihe, ob das eine Mauer ist oder etwas Gemaltes.

ZEIT: Und worin besteht der Unterschied?

Goebbels: Dass es dahinter nicht weitergeht. In die Dekoration kann ich mit dem Messer immer noch reinschneiden.

ZEIT: Gibt es inzwischen nicht auch einen Kitsch der Brandmauer? Wenn man als Theatergänger einer bestimmten Schmauchspur der Avantgarde folgt, sieht man in achtzig Prozent der Aufführungen eine Brandmauer.