Wenn die Choreografin Constanza Macras spricht, bewegen sich ihre Hände und Arme unablässig. Immer wieder greifen sie eine bestimmte Wendung heraus oder heben ein wichtiges Wort und einen griffigen Ausdruck hervor. Vor allem aber setzen sie Punkt und Komma, fügen dort Pausen ein, wo ihr rasanter Sprachfluss sich zu überschlagen droht. Denn die Argentinierin spricht schnell und ohne Unterlass, reiht in ihrem spanisch gefärbten Englisch Wort an Wort, fügt ununterbrochen und in einer Geschwindigkeit Satz an Satz, dass einem ohne ihre Gestik wohl schwindeln würde.

Von ihrem neuen Stück Open for everything spricht sie. Es ist Anfang April, sie steht bei einer öffentlichen Probe auf der Bühne zwischen einem alten Mercedes und einem Zebra aus Pappmaschee. Einem neugierigen Kind muss sie ihr Mikrofon abnehmen. Schon im Winter 2010 ist sie durch Ungarn, Tschechien und die Slowakei gereist. In den dortigen Roma-Siedlungen suchte sie nach Tänzern, die sich für das neue Projekt ihr und ihrer Kompanie DorkyPark anschließen wollten. Aus Fragen und Gesprächen mit den meist jugendlichen Profi- wie Amateurtänzern entstanden dann Szenen, die tänzerisch die Probleme und Traumata der Sinti und Roma umkreisen. Ein Volk, so Macras, das im Europa von heute noch immer ausgegrenzt und diskriminiert werde. Dieser heimatlosen Ethnie eine Stimme zu geben, in einen Dialog mit ihr zu treten sei ihr Anliegen gewesen. Angeregt dazu hatte das Goethe-Institut. Einer sechswöchigen Probephase in Budapest folgte eine ebenso lange in Berlin. Die Premiere ist nun am 10. Mai bei den Wiener Festwochen.

Gedrängt in wenige kurze Minuten, erzählt sie all dies. In einer Geschwindigkeit, die zwar Eile ausstrahlt, kaum aber Hast oder Hektik. Sie zeugt von etwas, das auch ihrem Tanztheater eigen ist. Dem Drang, sich zu verausgaben, keinen Moment ungenutzt verstreichen zu lassen und jeden Augenblick mit so vielem wie möglich zu füllen. Ihre Themen mögen noch so einfach und bündig sein, sie werden von Constanza Macras wie ihren Tänzern in einer atemberaubenden Geschwindigkeit durchstreift. Zwar kommt es auch zu Momenten des Einhaltens, doch verbreiten selbst diese eine gewisse Rastlosigkeit, sind unruhig gerade durch ihre fragile Ruhe. In Macras’ Stücken ist es zumeist allein die Musik, die den Erzählstrom pausieren lässt und ihm – so wie die Gestik der Choreografin ihren Sätzen – eine Struktur gibt.

Integration, Heimat und kulturelle Identität thematisiert Open for everything. Themen, die der 1970 in Buenos Aires geborenen Tänzerin durchaus naheliegen: In Argentinien hatte Macras Tanz und Modedesign gelernt. Dann ging sie nach New York, um am Merce Cunningham Studio Unterricht zu nehmen. Über Amsterdam kam sie schließlich nach Berlin, in ihre Wahlheimat, in der sie seit 1995 lebt. Hier feierte sie ihre größten Erfolge, etwa mit dem Stück Scratch Neukölln. Und hier gründete sie DorkyPark, ihr Ensemble, das Tänzer aus der ganzen Welt vereint: Japaner, Franzosen, Israelis oder Schweizer.

Der Titel Open for everything klingt wie ein Versprechen und eine Aufforderung zugleich. Die Choreografin will sich öffnen und sich von altbewährten Strukturen lösen. Sie sucht nicht so sehr die aggressive Konfrontation mit der fremden Kultur als vielmehr das offene Gespräch. Einen Austausch, in dem sich beide näher rücken, sich aber auch wieder zurücknehmen können. Eine Symbiose liegt ihr ebenso fern wie ein gewaltsames Aufeinanderprallen. Ihren Tänzern verlangt sie im Gegenzug dasselbe ab: dieselbe Bereit-schaft, sich auf den anderen einzulassen, sich so weit wie nur möglich zu öffnen und von den Problemen zu erzählen, die sie und ihr Volk umtreiben.