Weiter vorn in diesem Heft, auf Seite 8, sagt der neue Leiter der Ruhrtriennale, Heiner Goebbels, was ihn am deutschen Theatersystem vor allem stört: nämlich das Eingefahrene, Altbekannte, Wiederkehrende, Immergleiche der Stoffe, Themen, Darstellungsweisen. So gesehen ist das Kernstück der Salzburger Festspiele das Gegenteil von aufregender Festivalkunst: Denn der Jedermann, Hugo von Hofmannsthals reicher Mann, der kurz vor dem Sterben erst entdeckt, dass er nicht nur Geld, sondern auch Angst, Herz und Seele hat, stirbt seit Jahrzehnten im Salzburger Festspielsommer vor dem Dom zuverlässig seinen Erlösungstod. Im letzten Moment wird er zum fühlenden Wesen. Der Jedermann ist ein barockes Fest der Reinigung und Abbitte: Die reichsten Menschen kommen hier (auf den Tribünen unter freiem Himmel) zusammen, um einen der Ihren sterben zu sehen und sich hernach erst recht lebendig zu fühlen. Die Jeeedermann-Rufe hallen, vom Jenseits her, durch die Stadt, der Dom ragt hinauf in schwere Gewitterwolken, Gericht wird gehalten. In Salzburg lebt man stets im letzten Akt.

Nichts Wesentliches ändert sich an dieser Inszenierung jemals, nur die Besetzung wird immer wieder ausgetauscht, sie verjüngt sich beharrlich. Den Jedermann spielten seit 1920 unter anderem Curd Jürgens, Maximilian Schell, Klaus Maria Brandauer und zuletzt Gert Voss, Ulrich Tukur und Peter Simonischek. Voss gab den Jedermann als einen Musketier des Mammons, und seinen Sätzen schob er gern ein knurrendes rrrhh? hinterher, mit dem Machtmenschen sich vergewissern, dass das Fußvolk sie auch verstanden hat. Jedes Wort war Teil eines Verkaufsgesprächs. Auch dem Tod machte er, rrrhh?, ein knurriges Angebot: Geld gegen Leben. Ulrich Tukur gab den Jedermann als bleich und bei vollem Tempo aus der Lebensfahrt Gerissenen, der sich vom Tod abführen und mit geducktem Kopf in die Unterwelt bringen lässt, als sei er ein Tatverdächtiger, den ein Sergeant ins Polizeiauto schiebt. Peter Simonischek gab einen prallen Fettleberjedermann am oberen Ende der Nahrungskette. Und seit 2010 spielt Nicholas Ofczarek einen Jedermann , der wie Edgar Allan Poes Prinz Prospero lüstern durch seinen Palast tanzt, in dessen hinterstem Zimmer bereits der Tod wartet.

Durch das Stück gingen im Lauf der Jahre weniger irgendwelche Inszenierungsmoden hindurch als vielmehr Generationen von Großschauspielern, die, mal als Teufel, mal als Tod, den Sommer in Salzburg verbrachten, und es war zu ahnen, dass im Spektakel gewisse Aufstiegschancen existieren: Wer lang genug den Tod gespielt hatte, konnte sich Hoffnungen machen, irgendwann zum Jedermann befördert zu werden. Vom 21. Juli an ist der Jedermann wieder auf dem Salzburger Domplatz zu sehen – und als das Interessanteste an dem ganzen Spiel gilt ohnehin die Frage, wer (in der Nachfolge von beispielsweise Senta Berger, Veronica Ferres, Nina Hoss und Marie Bäumer) die flatterhaft-ungetreue Dame an seiner Seite, die Buhlschaft, spielt. Es ist Birgit Minichmayr, die aktuell größte unter den Wiener Großschauspielern. Jedermanns Flucht vor dem Tod kann weitergehen.