Martin Amis hat es wahrscheinlich ziemlich schwer. Schon früh war er umzingelt von Größen, die spüren ließen, dass alle Kräfte nötig waren, um mitzuhalten. Die Blitze der Brillanz blendeten ihn, das Donnern geistigen Hochmuts rumpelte über ihn hinweg, und die Niederschläge bissigen Kunsteifers jagten ihm Schauder über den Rücken.

So ungefähr mag es gewesen sein mit einem Übervater wie Kingsley Amis, der einst zu den zornigen jungen Männern der englischen Literatur zählte und der sich selbst zu den großen Trinkern seiner Epoche rechnete. Martins Stiefmutter war die Autorin Elizabeth Jane Howard, Saul Bellow war sein Mentor. In seiner Freundes- und Konkurrenzclique figurieren illustre Namen wie Ian McEwan, Julian Barnes, Salman Rushdie und der notorische Polemiker Christopher Hitchens.

Was kann aus einem werden, der sich unter solchen Wettbewerbsverhältnissen zu behaupten hat und außerdem noch Anlass findet, seine nicht überragende Körpergröße zu beklagen?

Martin Amis hat sich gereckt und gestreckt und beachtliche Ergebnisse erzielt. Halsbrecherischen Übermut bewies er dabei ebenso wie prinzenhafte Sohnesallüren und eine gegen den Vater hochtrainierte Ego-Profilierung. So wurde er zum kühnsten, originellsten Stilisten der britischen Gegenwartsliteratur, stets bemüht, immer einfallsreich, oft genug glänzend. Nicht einmal seine ärgsten Feinde würden das bestreiten. Seine London Trilogie – Gierig, Information, London Fields – brachte ihm in den achtziger Jahren einen unerhörten Durchbruch. Seine Sätze präsentieren sich als akrobatische Schaustücke, Absturzgefahr inbegriffen.

Trotzdem, oder vielmehr deshalb, ist diese Disposition dem Entstehen großer Romankunst nicht unbedingt günstig. Zwar konfrontieren Amis’ Romane über Glanz, Elend und die giftigen Aromen der postmodernen Existenz ihre Leserschaft zuverlässig mit Effektgewittern aus Formulierungen und grellen Handlungsideen. Aber das Glück des erzählerischen Gelingens stellt sich dort, anders als unlängst in seinem autobiografischen Buch Die Hauptsachen , nur noch selten ein.

Zu den zwielichtigen Fällen gehört der neue dicke Roman Die schwangere Witwe, obwohl es hier wahrlich um Dinge geht, bei denen man Amis blindlings jede Glanzleistung zutrauen möchte. Denn das Thema ist die sexuelle Revolution und damit zugleich die Jugend des Autors in den siebziger Jahren. Es geht um das Begehren und seine Befreiung, um Frustrationen, die als Gefühl und Begriff eine ebenso prominente Rolle spielten, und um ein von alledem entfachtes kulturkritisches Räsonieren. Ein ideales Spielfeld also für den Amis-Stil: für scharfe, obszöne, superschlaue, gnadenlos zugespitzte und gerne auch selbstgefällige Sätze, Feststellungen, Prägungen. Wo immer man das Buch aufschlägt, finden sich dafür Beispiele.

»Die Welt ist ein Buch, das wir nicht weglegen können...« Kleiner Gruß an Hans Blumenberg am Anfang. »Wenn man alt wird, ertappt man sich beim Vorsprechen für die Rolle seines Lebens; und nach endlosen Proben hat man schließlich die Hauptrolle in einem Horrorfilm.« Nein, hier wird nicht behauptet, dass die Befreiung der sexuellen Triebe die Welt verbessert habe. »Jetzt war der Sommer 1970, und der Geschlechtsverkehr hatte große Fortschritte gemacht.« Eine Gruppe von jungen Leuten tat sich zusammen, um jenen Sommer auf einem Schloss im italienischen Kampanien zu verbringen. »Lily: 165 cm, 86-63-86. Scheherazade: 178 cm, 94-58-84. Und Keith? Nun, er war im selben Alter und schlank und er verfügte über jenes heftig umstrittene Maß zwischen eins achtundsechzig und eins siebzig.« Stimmt, damals wurden die erotischen Potenziale in Brust-Taille-Hüft-Zentimetern gemessen. »Scheherazade dekantierte sich die drei Stufen hinunter und schritt auf das Wasser zu, barfuß...« Hoppla! »In der Welt von Männern und Frauen bebte es, eine Revolution war im Gange, Geschlechtsakt und Gefühle wurden einer Umwertung unterzogen.« Da wollte keiner zu den »Verklemmten« gehören. »Neue Regeln – und neue und unheimliche Möglichkeiten, alles falsch zu verstehen.« Die Befreiung eröffnete nicht nur Horizonte, sondern auch Abgründe. »Das ist der Höhepunkt meiner Jugend, dachte er. Hier wird sich alles entscheiden.« Jetzt oder nie. »Die Wunde, die er sich in dem italienischen Schloss zuzog, war das sinnliche Gegenstück zur Tortur: ihre Zangen der Lust. Und was blieb danach übrig? Ihre Handfesseln, ihre Brandeisen.«

Mit mal aparten, mal sonderbaren, mal galligen Einfällen, hat Amis seinen Roman bis zum Rand gefüllt. Wer darin einfach nur blättert, könnte animiert ausrufen: flamboyant! und an das Fremdwort – nach dem Vorbild des Autors – in Klammern die Bedeutung anhängen (flammend, farbenprächtig, heftig). Doch der schillernde rhetorische Schaum schwimmt auf einem seichten, zäh dahinschwappenden, häufig stagnierenden Erzählfluss. Oder in anderen Worten, etwa denen der Washington Post zu diesem Roman: »Es gibt keinen eleganteren und klügeren lebenden Schriftsteller als Martin Amis. Warum ist aus ihm dann ein so schrecklicher Romancier geworden?«

Die schwangere Witwe ist von einer blendenden, gewiss oftmals geistvollen Geschwätzigkeit, die durchaus Funktion und Sinn haben könnte, wenn sie sich nur einigermaßen proportional zu den erzählerischen Qualitäten verhalten würde.