Spielen mit der Bestie – Seite 1

Was haben wir uns da nur eingehandelt mit diesem Internet ? Ist es der größte Segen seit Menschengedenken, weil sich jeder mit jedem zu jeder Zeit vernetzen kann und Kommunikation grenzenlos wird? Oder ist es der größte Fluch, weil wir gläsern werden, die Privatsphäre schwindet und wir auf die Gesamtheit der über uns gesammelten Daten reduziert werden? Drei Bücher, die in diesem Frühjahr auf Deutsch erscheinen, geben drei Antworten: eine warnende, eine skeptische und eine optimistische.

Beginnen wir mit der warnenden. Als das Internet noch jung und aufregend unstrukturiert war, träumte der amerikanische Internetaktivist Eli Pariser von einer Redemokratisierung und einer Ära der Bürgerbeteiligung. Doch der Traum ist ausgeträumt. Das Netz ist zu einem Raum geworden, in dem Konzerngiganten für demokratiefeindliche Elemente sorgen: Die großen vier, Amazon , Apple , Facebook und Google , schicken sich an, aus einem für alle gleichermaßen zugänglichen Informationsuniversum ein Pluriversum zu machen, in dem jeder Nutzer seine je eigene Informationswelt auf den Leib geschneidert bekommt.

Wie das geht, schildert Eli Pariser in seinem als Langessay angelegten Buch Filter Bubble: Bei jedem Klick installieren Google und Co. Cookies , mit denen sie unser Tun verfolgen und so ein immer präziseres Bild von unserem Online-Ich zusammensetzen – ohne dass wir es jemals zu Gesicht bekämen. Jeder unserer Klicks wird zur Ware; die Daten werden an den meistbietenden Werbekunden verkauft, der uns alsbald mit maßgeschneiderten Angeboten überrascht. Wer "Berlin" googelt und in seinem Leben häufig nach Sportbegriffen gesucht hat, wird viele Treffer zu Hertha BSC erhalten und bald mit Werbung für Sporttickets zugeschüttet werden. Wer klassische Musik liebt, wird nach dem gleichen Muster mit der Staatsoper Unter den Linden versorgt.

Mag das Prinzip "Das könnte Sie auch interessieren" bei den Freizeitvorlieben noch eine Annehmlichkeit sein, wird es bei im weitesten Sinne politischen Interessen gefährlich. Eli Pariser stellte fest, dass auf seiner Facebook-Startseite die Posts seiner konservativen Freunde nicht mehr auftauchten. Die Facebook-Rechner hatten registriert, dass Pariser meist die Links seiner liberalen Freunde anklickte, und fortan alle, die bislang wenig Beachtung gefunden hatten, aus der Liste gestrichen. Pariser dekliniert in Filter Bubble durch, was es für unsere vernetzten Gesellschaften bedeutet, wenn die großen Player unser Leben vorsortieren, ohne dass wir die Kriterien kennen, und aus unser Suchvergangenheit auf unsere Suchzukunft schließen. "Demokratie verlangt, dass man Dinge aus den Blickwinkeln anderer sieht, doch wir sind immer mehr in unseren eigenen kleinen Welten gefangen", schreibt Pariser und appelliert an Unternehmer, Hacker und uns alle, "die frühe Vision einer radikalen Vernetzung und Nutzerkontrolle zu schützen".

Die verloren gegangene Kontrolle über die Maschine wiederzuerlangen: Mit diesem Wunsch, der zum Topos der gegenwärtigen Literatur über das Netz geworden ist, endet auch Sherry Turkles Buch Verloren unter 100 Freunden. In den Siebzigern war die Soziologin eine der Ersten, die die Beziehungen von Mensch und Maschine erforschten. Seitdem ist sie im fortschrittsbegeisterten Umfeld des Massachusetts Institute of Technology peu à peu zur Skeptikerin des technischen Fortschritts geworden. Die ernüchternde Quintessenz ihrer Feldstudien lautet: "Wir scheinen fest entschlossen, Objekten menschliche Eigenschaften zu verleihen, und begnügen uns selbst damit, einander wie Objekte zu behandeln."

In zwei Kapiteln schlüsselt Turkle diese beiden Scheinparadoxien auf. Erst schreibt sie über die menschliche Faszination für Roboter, die Kindern als Spielkamerad und Greisen als Einsamkeitsvertreiber dienen sollen ; dann über unsere voll vernetzte Welt, in der wir vor lauter Dauerkommunikation den Sinn für tiefe Gespräche verlieren. Vor allem Kinder und Jugendliche sind betroffen. Werden sie von ihren Eltern vernachlässigt, weil die Mama an der Schaukel nur auf ihren BlackBerry starrt und der Papa beim Essen ständig Mails schreibt, können sie rasch der Fasziniation des Roboterfreundes erliegen. Sie scheuen das Risiko der Enttäuschung und basteln sich eine eigene Welt, die mit Roboterbabys, Roboterrobben und Robotern mit menschlichem Antlitz in einigen Haushalten und Altenheimen der USA schon Wirklichkeit geworden ist.

Internet – der größte und aufregendste Weltentwurf unserer Zeit?

Hunderte der Jugendlichen, die Turkle interviewte, sind einsam und fürchten sich gleichzeitig vor Nähe. Deshalb bauen sie einen elektronischen SMS- und Instant-Messenger-Schutzwall auf, treffen sich selten und telefonieren nicht, weil sie Angst davor haben, der Echtzeit schutzlos ausgeliefert zu sein. Sie sehnen sich nach Geborgenheit, nach einer Auszeit. Aber sie kommen nicht weg von ihren Zweit- und Drittidentitäten, die sie im Netz kreiert haben und pflegen müssen. Facebook ist für viele von ihnen zu einer Bestie geworden, die permanent gefüttert werden muss; zum großen Vielfraß, der Zeit, Selbstständigkeit und persönliche Begegnungen raubt.

Ein verstörender Befund, dem Daniel Miller, Ethnologe am University College in London, mit seiner Studie über das größte Soziale Netzwerk widerspricht. Miller verherrlicht Facebook nicht, aber er zeigt auf, was es jenseits aller Datenschutzdebatten an Gutem bewirken kann. Sieben Porträts von Menschen aus Trinidad, die er über Monate in ihrem Facebook-Leben begleitet hat, bilden den Kern von Das wilde Netzwerk: Da ist der schüchterne Junge, der es schafft, über das Facebook-Spiel Farmville Anerkennung in seiner Schulklasse zu gewinnen und der seine Klassenkameraden durch ihre Posts auf Facebook erst richtig kennenlernt. Da ist der alte Mann im Rollstuhl, klug und gebildet, der früher wundervolle Reden hielt und heute kaum mehr sprechen kann, auf Facebook aber Gleichgesinnte gefunden hat, mit denen er stundenlang über Politik diskutiert und seiner Einsamkeit entflieht. Und da ist Ajani, eine junge Frau, die permanent auf Facebook postet und ihr Privatleben gerade dadurch schützt, dass sie sich ständig an die Öffentlichkeit wendet.

Ajani ist die spannendste Figur in diesem Buch. Facebook ist für sie eine "virtuelle Erweiterung ihres Hauses", wie Miller schreibt. Wahlweise öffnet sie es der ganzen Welt oder nutzt es wie einen intimen Salon, in den nur Auserwählte Einlass finden. Mit ihren Posts, Fotos und Videos ist sie Entertainerin, Informantin und Vertraute zugleich – eine Performance-Künstlerin, die genau weiß, wann sie welche Seite von sich zeigt und wie sie sich wem präsentiert.

Ajani ist Handelnde der virtuellen Welt, keine Getriebene. Wenn wir, die Facebook- und Internetnutzer, ihren Ansatz ernst nehmen und uns zugleich der Gefahren des Netzes bewusst sind, die Eli Pariser schildert, wenn wir die Sorgen nicht ausblenden, von denen Sherry Turkle berichtet, dann können wir uns im Vernetztsein austoben und das Internet als das sehen, was es im besten Falle ist: als größten und aufregendsten Weltentwurf unserer Zeit.