Als Günter Grass kürzlich erklärte, die deutsche Presse sei gleichgeschaltet und sehe ihre Aufgabe darin, gegen ihn eine Kampagne zu führen , habe ich mich gefragt, wer hinter dieser Kampagne nach Grass ’ Ansicht wohl stecken könnte. Es kommen eigentlich nur der Mossad, Opus Dei oder die Freimaurer infrage. Ist der Nobelpreisträger Günter Grass womöglich ein bisschen verrückt geworden? Diese Frage habe ich mir ganz ernsthaft gestellt. Dass Israel das iranische Volk mittels eines Atomkrieges auslöschen möchte, diese Meinung stellt meiner Meinung nach keine Meinung dar, sondern eine Verrücktheit. So was hat nicht mal Nordkorea mit Südkorea vor. Ich habe dann aber festgestellt, dass gerade Nobelpreisträger auffällig häufig sonderlich werden.

Die einzigen Menschen, die sogar zwei Nobelpreise in zwei verschiedenen Kategorien bekommen haben, waren Marie Curie und Linus Pauling . Auch Linus Pauling hat sich, wie Grass, stark mit der atomaren Gefahr beschäftigt. Eines Tages hatte er die Idee, dass man auch Krankheiten mit einer Art Atombombe bekämpfen muss, die im Körper abgeworfen wird. Er empfahl, dass Krebskranke täglich so viel Vitamin C essen sollen, wie in 100 Kilo Orangen enthalten ist. Wenn er einen Kranken sah, rief er laut: »Vitamine! Vitamine!« Es gibt heute noch Anhänger seiner Ideen, insgesamt überwiegt eher die Skepsis.

Der berühmteste Nobelpreisträger mit einer Verwirrung ist der Mathematiker John Nash, dessen Leben vor ein paar Jahren verfilmt wurde. Der bedauernswerte, tapfere Nash litt unter Schizophrenie und hat seine Krankheit in hartem Kampf überwunden. Während seiner Schübe hat er oft antisemitische Reden gehalten. Traurig war das Ende des, was immer wieder gesagt werden muss, großartigen Schriftstellers Knut Hamsun , Nobelpreisträger von 1920. Nach dem Tod von Adolf Hitler schrieb Hamsun : »Er war ein Krieger für die Menschheit und ein Verkünder des Evangeliums vom Recht aller Nationen. Er war eine Gestalt von höchstem Rang.« Als Hamsun dies schrieb, war er etwa so alt wie Grass heute.

Thomas Mann hatte eine Darm-Obsession, er war total fasziniert von seinem Stuhlgang. Ein typischer Tagebucheintrag während des Zweiten Weltkrieges lautete: »Gestörte Verdauung. Deutsche Niederlage im Osten.« Die rätselhafteste seiner Tagebuchnotizen heißt: »Massage mit dem elektrischen Bügeleisen durch K.« Wie man sich dies im Einzelnen vorzustellen hat, konnte die Mann-Forschung bis heute nicht herausfinden. Luc Montagnier, Nobelpreis für Medizin, ist einer der Entdecker des HI-Virus. Er glaubt, dass er DNA mithilfe des Magnetismus von einem Wasserglas in ein anderes teleportieren kann. DNA könne Radiowellen ausstrahlen. Vielleicht stimmt es, die anderen Forscher sind uneins. Falls Montagnier recht hat, wäre es denkbar, dass der iranische Präsident Ahmadinedschad seine Reden mittels seiner DNA direkt im Kopf von Günter Grass ausstrahlt. Dann tun alle Kritiker dem armen Grass bitter unrecht.

Wegen des gut dokumentierten Zusammenhangs von Genie und Wahnsinn gibt es seit 1991 einen Spezialnobelpreis für Wissenschaftler, die besonders abwegige Forschungen betreiben oder absurde Thesen vertreten. Zu den jüngsten Preisträgern gehören drei Frauen aus Chicago , die einen BH erfunden haben, der sich, wenn Verliebte im Kriegsfall spazieren gehen, auch als Gasmaske für zwei Personen nutzen lässt. Der Literatur-Spezialnobelpreis wurde bisher nur einem deutschsprachigen Autor verliehen, dem Schweizer Erich von Däniken , aber noch nie einem Deutschen. Was sehr ungerecht ist.

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