Bei Richters kann man nicht einfach uneingeladen erscheinen. Man muss Ljudmila anrufen, einen Termin verabreden und die Zahlenkombination notieren, mit deren Hilfe sich die schwere Haustür öffnen lässt. Das verklinkerte Hochhaus ragt in Moskaus bester Lage auf, in einem der letzten historischen Quartiere. Ich fahre in den 16. Stock. Ljudmila öffnet – eine gepflegte alte Dame mit Pagenkopf. »Wie schön, dass Sie uns gefunden haben! Kommen Sie herein, legen Sie ab, nehmen Sie sich ein Paar Pantoffeln!« Bis hierhin könnte ich mir noch einbilden, ich sei privat zu Besuch. Dann kassiert Ljudmila beiläufig 200 Rubel, umgerechnet 5 Euro Eintrittsgeld, und überreicht mir ein Billett. Ich schlüpfe in übergroße Filzpantoffeln und betrete die Moskauer Wohnung des 1997 verstorbenen Pianisten Swjatoslaw Richter . Mittlerweile ist die Wohnung ein Museum und Ljudmila seine Direktorin.

Es gehört zu den Eigenarten der russischen Kultur, private Wohnungen, Häuser und Gartenlauben wichtiger und talentierter Leute nach deren Tod möglichst vollständig den neugierigen Blicken der Nachgeborenen zu öffnen. Dostojewski- und Tschechow-Häuser sind selbstverständlich, so wie es in Deutschland Goethe- und Schiller-Häuser gibt. Aber auch jeder zweite überregional prominente russische Maler, Musiker, Schauspieler, Regisseur, Balletttänzer, Literat, Politiker oder Wissenschaftler wird mit einem Wohnungsmuseum geehrt. Allein in Moskau sind es mehr als 50, in ganz Russland wohl Tausende. Und jedes Jahr kommen neue dazu.

Richters Korridor hatte mich angezogen, weil ich sein spröd-brillantes Klavierspiel bei Schuberts Sonaten liebe. In einem Dokumentarfilm, den ich gesehen habe, spricht der Maestro kaum. Richter galt als öffentlichkeitsscheu. Nun komme ich mir seltsam aufdringlich vor in der für Sowjetverhältnisse luxuriösen Wohnung, in der er und seine Frau die letzten 30 Jahre ihres Lebens verbracht haben. Die bräunlichen Tapeten und Einbauschränke spiegeln den Geist der siebziger Jahre. Hellgrün bezogene Polsterstühle, riesige Lampenschirme. Es riecht nach alten Büchern und schwerem Damenparfum.

Unter der Glasglocke liegen Stifte und Notizzettel, angeordnet für die Ewigkeit

Zwei Jahre nach Richters Tod sei die Wohnung zum Museum umgewidmet worden, erklärt Ljudmila. Die Pietätspause zwischen Ableben und Ausstellungseröffnung fällt bei russischen Wohnungsmuseen möglichst kurz aus. Alles soll aussehen, als sei der große Geist eben erst entschwunden. Und auch Richters Wohnung wirkt, als könne der Pianist jeden Augenblick von einem Spaziergang heimkehren. Und mich mit verstörtem Blick des Hauses verweisen.

»Wollen wir die Führung beginnen?« Ljudmila schreitet voran in den »Saal«, etwa 50 lichtdurchflutete Quadratmeter mit dramatischem Blick bis zum Kreml, auf denen zwei Konzertflügel ebenso Platz haben wie die Bestuhlung für 15 Zuhörer und ein kleines Sofa in der Ecke. Hier habe Richter oft übernachtet, flüstert Ljudmila. Ihre Mitarbeiterin Galina, ebenfalls hochbetagt, putzt unterdessen mit einer Sprühflasche die Grünpflanzen auf dem Fensterbrett. Ljudmila schwärmt von Liederabenden, Vernissagen und Scharaden, die der Meister veranstaltete. Hier der Notenständer, auf dem stets das Programm lag. Dort sein Brillenetui, ein Füllhalter und einige Postkarten. Richter hat stets alle Schreiben beantwortet, mit deutscher Pedanterie, wie Ljudmila lachend hinzusetzt. Der Vater des Maestro entstammte einer deutschen Kaufmannsfamilie.

Die Frauen, die über Moskaus Wohnungsmuseen wachen – meist fortgeschrittenen Alters, meist für wenig Geld –, nennt der russische Volksmund Museums-Babuschka, Großmütterchen. In Ljudmilas Fall jedoch klingt die Bezeichnung wie eine Beleidigung. Ljudmila Ernestowna Krenkel, Tochter eines berühmten sowjetischen Polarforschers, ist studierte Pianistin und war früher eine bekannte Radiojournalistin. Auch Richter habe seinerzeit ihre Musiksendungen gehört, lässt sie, ganz Grande Dame, Besucher wissen.

Wir werfen einen Blick in die kleine weiße Küche, wo der Meister seinen Kaffee trank. Wir schreiten durch die Flure mit der japanischen Grastapete bis in sein Arbeitszimmer. Eine Glasglocke schützt die Platte des Sekretärs, darunter liegen Stifte und Notizzettel, angeordnet für die Ewigkeit. Ljudmila kennt die Geschichte jedes Gemäldes, jeder Vase, zeigt ehrfürchtig den Schrank mit den Partituren, der nur für Wissenschaftler geöffnet wird. Später, beim Abschied, frage ich, warum die Russen eigentlich so gerne den privaten Wohnraum ihrer Berühmtheiten konservieren. »Wir lieben einfach unsere Großen«, sagt Ljudmila. Dann schließt sie die Tür. 

Der Moskauer Museologe Wladimir Dukelski hat eine etwas ausführlichere Erklärung für das Phänomen: »Die Russen empfinden große Anhänglichkeit für die Vergangenheit, weil sie immer schöner und besser wirkt als die Gegenwart und die Zukunft.« Deshalb halte der Trend, Heim- und Wirkungsstätten verblichener Berühmtheiten als Museum zu bewahren, seit Sowjetzeiten an. Der Experte unterscheidet drei verschiedene Museumstypen: Der originalbelassene Wohnraum – das Beispiel Richter – ist, Dukelski zufolge, das Ideal. Hin und wieder, vor allem bei den Wohnräumen von Wissenschaftlern, werde zusätzlich eine kleine Ausstellung über das Wirken der früheren Bewohner eingerichtet. Nur wenn sich die Originalatmosphäre partout nicht mehr herstellen lasse, behelfe man sich mit biografischen Ausstellungen. In diesen Fällen bildeten die Wohnungen dann kaum mehr als einen architektonischen Rahmen.