Wer sich den schwäbischen Städtchen Künzelsau und Schwäbisch Hall nähert, könnte meinen, er habe ein siebzehntes Bundesland entdeckt. Befindet man sich tatsächlich noch in Baden-Württemberg – oder nicht vielmehr in Baden-Würthemberg? Hier die Reinhold-Würth-Hochschule, dort die Reinhold-Würth-Grundschule. Hier die Reinhold-Würth-Straße, dort die Fabrik der Würth GmbH. Hier das Würth-Museum, dort die Kunsthalle Würth. Was der Clan der Medici für das Florenz der Neuzeit war, scheint der Hersteller von Montagetechnik für die Region des Hohenlohischen zu sein. Davon zeugen nicht zuletzt die Titel wie »Schrauben-König«, »Fürst der Region« oder »Industrie-König«, mit denen der knorrige Vorsitzende des Stiftungsaufsichtsrates, Reinhold Würth, gewöhnlich bedacht wird.

Würth hat nicht nur das Familienunternehmen in einen globalen Konzern und nationalen Wohlstandsgaranten verwandelt, sondern auch sich selbst, ganz in der Tradition der Renaissance, in einen Kunstmäzen, Kultursponsor, Museumsgründer und Patron der Wissenschaften. Wie so häufig im Süden Deutschlands mischen sich dabei kapitalistische, kulturelle und religiöse Motive – Würth ist ein streitbarer Liberalkonservativer, der zwanglos zwischen seiner Luxusjacht, dem Bekenntnis zum Urchristentum der neuapostolischen Kirche und der Kunst als Motivationstrainerin höherer Ordnung zu changieren versteht. Nicht nur die Postmoderne kann anything goes.

So kommt es, dass Künzelsau und Schwäbisch Hall heute über Kunstschätze verfügen, die in keinem Verhältnis zu ihren eher bescheidenen Einwohnerzahlen stehen. Mehr als 14.000 Werke zählt die auf mehrere Standorte verteilte Sammlung Würth, darunter Granden der Klassischen Moderne wie Ernst Ludwig Kirchner oder Pablo Picasso, aber auch emerging artists und ältere Regionalmatadoren wie der 2012 verstorbene Emil Wachter. Aus diesem Konvolut speisen sich die Wechselausstellungen, die regelmäßig direkt im Werk der Würth-Gruppe zu sehen sind. Die corporate colors der vor den Toren Künzelsaus gelegenen Fabrik sind Grau und Rot – als wollten sie die hierzulande gepflegte Gleichzeitigkeit von biederem Fleiß und Kulturbegeisterung, von uriger Schollenhaftung und expansionistischem Geltungsdrang symbolisieren. Auch eine Außenskulptur am Übergang zwischen Fabrik und angrenzendem Wohngebiet scheint diese Janusköpfigkeit zu verkörpern. Antony Gormleys Break (2002) zeigt eine Figur mit zwei Köpfen und zwei Oberkörpern, die in ein einziges Paar Beine münden. Es ist, als solle sie sagen: Im Geiste sind wir vielseitig, modern, offen. Aber auf dem Boden der Tatsachen stehen wir wie eh und je.

Da die kreative Seite der Würth-Gruppe eher im Vertrieb als in der Entwicklung liegt, erstaunt es nicht, dass die Werksausstellungen gerade auch die Angestellten zu leidenschaftlicherer Dübelproduktion anregen sollen. Die Präsentationsformen in Schwäbisch Hall sind da konventionellerer Natur. In der Kunsthalle Würth reicht das bisherige Ausstellungsspektrum von Harmonien und Kontrasten in der Sammlung Würth über Edvard Munch – Zeichen der Moderne bis hin zu »Waldeslust«, wo man sich durchs grüne Dickicht der »kulturellen Aspekte des (deutschen) Natur- und Waldbewusstseins« schlagen konnte. Hauptattraktion aber ist die sogenannte Schutzmantelmadonna von Hans Holbein dem Jüngeren, welche Reinhold Würth 2011 für grob 50 Millionen Euro der Erbengemeinschaft des Prinzen Ludwig von Hessen abkaufte. Da konnte das staatliche Frankfurter Städel-Museum, wo das Schlüsselwerk der Renaissance bis dato als Dauerleihgabe beheimatet gewesen war, mit einem Gegenangebot von 40 Millionen wenig ausrichten. Nun prangt die Muttergottes in der Schwäbisch Haller Johanniterkirche, die ebenfalls Würth gehört, umsäumt von weiteren Altvorderen wie dem Meister von Meßkirch, dessen Heilige immer so anrührend verquollene, melancholische Augen haben.

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Der kontroverse Millionenpoker des schwäbischen Privatmanns mit dem Land Hessen ist ein Paradebeispiel für die veränderten Machtverhältnisse zwischen öffentlicher und privater Hand – der Fürst stach gleichsam den Kaiser aus. Dass der Privatsektor derzeit gerne mal staatlicher auftritt als der Staat, zeigen auch die Eintrittspreise. Während sich die staatlichen Museen weiterhin wacker ihrer gemeinnützigen Funktion rühmen und gleichzeitig den Besucher zur Kasse bitten, kostet der Zugang zu Würths Sammlungen – nichts.

Aber vielleicht hat Holbeins Gemälde ja in Schwäbisch Hall sogar seinen locus genii gefunden. Schließlich wurde es in den 1520er Jahren ausgerechnet von Jakob Meyer zum Hasen in Auftrag gegeben, dem damaligen Bürgermeister der Stadt Basel. Neben der Reformation beschäftigten den Katholiken auch schnöde rechtliche Probleme – ihm wurde die Veruntreuung städtischer Gelder vorgeworfen. Nicht zuletzt deshalb ließ er sich von Holbein demütig betend unter dem Mantel der Himmelskönigin porträtieren. Damit ist eine thematisch schlüssige Anbindung an den neuen Besitzer gegeben, wurde Reinhold Würth doch 2008 wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Der heutige Kapitalismus schmiegt sich an die Kunst wie einst der Basler Bürgermeister an die Madonna. Die Geschichte des Gemäldes und die Geschichte der Sammlung Würth konvergieren im seit je verminten Grenzgebiet zwischen Kunst, Geld, Macht, Recht und Politik.