Der Mann, der Nordrhein-Westfalen am besten erklären kann, stammt aus Bruneck in Südtirol. Konrad Johann Aloysia Beikircher ist Kabarettist und Psychologe, er arbeitet mit der Kraft der Behauptung. Er schließt von Redensarten und sprachlichen Eigenheiten auf die Kollektivpsyche einer Region. 65 Jahre ist Beikircher alt, die vergangenen 46 hat er im Rheinland, in Bonn verbracht.

Neulich also in der Bäckerei. Das Teilchen seiner Wahl: ganz vorn in der Vitrine. Die Frau hinter der Theke: sehr dick. Beikircher schaut auf das Teilchen, schaut auf die Frau, sie zuckt die Schultern und sagt ganz selbstverständlich: "Da komm isch nit ran." Rheinischer Fatalismus. Et iss, wie et iss. In Bielefeld würde einem das niemals passieren.

Eine halbe Stunde noch, dann wird Beikircher auf der Bühne diese Szene zum Besten geben. Er wird so tief in die Seele des Rheinländers hineintauchen, dass viele ihn, die ihn das erste Mal erleben, selbst für einen halten. Jetzt wartet er im ungemütlichen Kellerraum eines Kölner Gymnasiums, es ist seine improvisierte Garderobe.

Was verbindet die Menschen in Nordrhein-Westfalen, Herr Beikircher?

"Da gibt es nichts. ›Grüß dich Gott, du Land der Bayern‹, so etwas haben wir nicht. Es gibt Ostwestfalen, Lipper, Sauerländer, Ruhrgebietler, Münsterländer, Niederrheinländer und Rheinländer. Aber wenn man hier jemanden einen Nordrhein-Westfalen nennt, versteht der das nicht. Da gibt es null Identität."

Das Land Nordrhein-Westfalen hat eine eigene Facebook-Seite , aber unter den Informationen fehlt die Angabe zum "Beziehungsstatus". Dabei ist klar, was dort stehen müsste: "Es ist kompliziert." NRW ist ein Land, das es eigentlich nicht gibt, ein Namensirrsinn, das einzige Bundesland mit Abkürzung. Die Engländer haben es erfunden, als die alte Bundesrepublik geboren wurde. Und wie kein anderes Land steht NRW für diese Bundesrepublik: für Schwerindustrie. Harte Arbeit. Und für das Wirtschaftswunder. Das ist der Stolz des Landes – und sein Trauma zugleich. NRW war das größte Geberland im Länderfinanzausgleich , heute bekommt es Geld von den anderen. Es ist das Bundesland mit den meisten Dax-Unternehmen. Aber viele seiner Städte sehen aus, als befänden sie sich in einem Krisengebiet.

Die Struktur und der Wandel haben die Menschen geprägt. Am besten spürt man das im Ruhrgebiet, eine Zerrissenheit zwischen der Sehnsucht nach dem Alten und dem Warten auf das Neue. In Duisburg waren sie immer stolz auf Schimanski, den Tatort-Kommissar aus ihrer Stadt, und zugleich schämten sie sich für seine Prolligkeit. Man will nicht auf die Malochertradition reduziert werden, aber sie allein stiftet immer noch Identität. Weil sie für das steht, was mit ihrem Verschwinden verloren ging: Zusammenhalt. Wir sind das Ruhrgebiet. Dabei stimmt nicht mal das so ganz: Als eine große Stadt hat sich die Region nie begriffen. Wenn es ums Geld geht, wie beim großen gemeinsamen Projekt Kulturhauptstadt 2010, zerfällt der Zusammenhalt sehr schnell.

Was hält das Land denn überhaupt zusammen, Herr Beikircher?

"Das Einzige, was das Land zusammenhält, ist der Landtag in Düsseldorf."

Dieser Landtag wird jetzt neu gewählt. Niemand hätte 2010 damit gerechnet, dass die rot-grüne Minderheitsregierung immerhin 20 Monate halten würde. Hannelore Kraft, die SPD-Ministerpräsidentin, war zum Scheitern verurteilt. Aber als es dann wirklich vorbei war, stand Kraft besser da denn je .

Um das zu verstehen, muss man mit Leuten sprechen, in deren Leben auch einiges nicht zusammenpasst. Mit Konrad Beikircher, dem Bonner Südtiroler. Mit einem grünen Bürgermeister im konservativen Münsterland. Mit dem Mann, auf dessen privater Terrasse wichtige Wirtschaftsentscheidungen fielen. Und mit einem CDU-Kämmerer, der die Folgen der rot-grünen Finanzpolitik erlebte.

Johannes Slawig steht auf den Stufen zum Rathaus seiner Stadt Wuppertal, die Fotografin dirigiert ihn, ein halbes Dutzend Jungs belauert beide: "Ey ist der wichtig oder was?" – "Ist ja wie bei Topmodel! " – "Mit dem will ich auch ein Foto!" Am Ende posieren sie mit ihm, ein Foto mit dem Smartphone, aber wer der Mann mit der Fliege ist, wissen sie nicht. Wichtig ist Slawig tatsächlich, vielleicht sogar der wichtigste Mann der Stadt. Er entscheidet, wo das Geld hingeht. Oder besser: wo es nicht hingeht. Es ist ja keines da.