Brasilien entdeckt neues Öl . Venezuela steigt mit neuen vermuteten Reserven zum wohl größten Ölland der Welt auf. Die USA finden im eigenen Land immer neue Vorräte und träumen von der Autarkie. Ein neuer Ölboom hat die Welt erfasst. Wird das Öl doch nicht knapp? Und warum dann die hohen Preise?

Das Paradox ist: Die hohen Preise, die wir an den Zapfsäulen zahlen, treiben den Ölboom mit voran. Denn erst wenn Öl richtig teuer ist, lohnt es sich, in bisher unerforschten Tiefen unter dem Meer zu bohren oder unzugängliches Gestein aufzubrechen.

Brasilien hat vor seinen Küsten in über siebentausend Meter Tiefe neue Ölvorkommen entdeckt, verborgen in kilometerdicken Schichten von Salz und Felsen. Venezuela will im Landesinneren neue Vorkommen ausgemacht haben, meist schweres, dickflüssiges Öl, das aufwendig gereinigt werden muss.

Kanada hat mit neuen Technologien seine Ölsande erschlossen, eine klebrige Masse aus Sand, Bitumen und Tonschichten . Um die mit Gewinn auf dem Weltmarkt zu verkaufen, muss der Ölpreis schon bei 100 Dollar pro Fass stehen.

Mehr Nachfrage, mehr Spekulanten

Ähnliches gilt für die Amerikaner, die in North Dakota und anderswo das Schiefergestein aufbrechen, um Erdöl herauszupressen. Hinzu kommen unerschlossene Reserven in Alaska und vor den Küsten in der Tiefe der Ozeane. Voreilige verkünden schon die Unabhängigkeit Amerikas vom Persischen Golf.

Doch so einfach ist die Gleichung nicht. Mehr Öl in der Welt bedeutet nicht einfach fallende Preise , wie die klassische ökonomische Lehre vermuten lässt. Denn es gibt zu viele andere Faktoren, die den Ölpreis aufblasen.

Zunächst mal verbraucht die Welt – trotz Sparaufrufen – immer mehr Öl, vor allem die aufstrebenden Länder Asiens. Dazu kommen die Spekulanten, die mit Wetten auf höhere Preise die Kurse für das Fass Öl hochtreiben. Kaum dass irgendwo auf der Welt eine kleine Krise ausbricht, wird die Panikprämie aufgeschlagen. Angenommene Katastrophen kommen dazu: Was, wenn Israel den Iran angreift? Was, wenn der Iran dafür Abu Dhabi bombardiert? Was, wenn im saudischen Königshaus ein Nachfolgekampf ausbricht? Zur Sicherheit vorab ein Preisaufschlag.

Die Kostenspirale zwingt zum Sparen

Das freut die Regime, die ihre maroden Volkswirtschaften mit Öleinnahmen am Laufen halten: den Iran , Venezuela, Russland. Sie versuchen, die Preise durch künstliche Verknappung in die Höhe zu treiben. Im Westen wiederum sinkt seit Jahren die Raffineriekapazität. Damit ist weniger verarbeitetes Öl auf dem Markt – was die Benzinpreise nach oben treibt.

Die Kostenspirale zwingt die Industrieländer, weiter zu sparen, vor allem jene wie Deutschland, die über wenig heimische Ressourcen verfügen. Wer mehr verbraucht, macht sich verwundbar: gegenüber den Spekulanten, gegenüber dem Iran und Venezuela, gegenüber allen, die mit hohen Energiepreisen Profit machen wollen. Längst bremsen die Panikprämien aufs Öl die Weltwirtschaft, machen auch deutsche Produkte unnötig teuer.

Den größten Schaden aber trägt die Umwelt davon: Ölverbrennung schadet dem Klima, treibt die Erderwärmung voran. Auf hoher See verpesten defekte Ölplattformen und Tanker die Ozeane. Ölförderung aus Schiefergestein verseucht das Trinkwasser, verursacht hin und wieder sogar Erdbeben.

Mehr Öl auf der Welt ist für viele Erdbewohner weniger gut. Fazit: Trotz des neuen Ölbooms werden viele westliche Industrieländer noch stärker Energie sparen müssen.