Der Mann trägt gern Loden und kommt auch sonst daher wie die wandelnde Einladung zum Vorurteil: ein barocker Rheinländer, bekennender Konservativer, Erzkatholik. Aber dass man Hans-Gerd Jauch besser nicht nach dem ersten Blick einsortiert, kann beispielsweise die Sache mit der Jägerei deutlich machen. Zwar pflegt er den Habitus des passionierten Waidmanns: fährt einen Range Rover, bringt die Jagdhunde mit ins Büro, und bei Wikipedia ist er mit geschulterter Flinte auf der Großwildpirsch in Afrika zu sehen. Aber wenn man mit ihm über sein Waidwerk spricht, klingt das angenehm entspannt. Das ganze Horrido-Gedöns brauche er nicht, sagt Jauch. Das Beste an seinem Pachtrevier am Niederrhein , in dem er »auf die letzten Fasanen« schieße, sei der Kontakt zu den bodenständigen Menschen dort.

Es ist ein eher gemäßigter Jagdinstinkt, den er da auslebt, und das auch noch restlos. Jedenfalls brauche er dafür Thomas Middelhoff nicht, sagt Jauch. Middelhoff war einmal ein großes Tier, erst Chef von Bertelsmann, dann sollte er als Vorstandsvorsitzender den Kaufhauskonzern Arcandor retten, was aber misslang . Öffentlich hat der Eindruck entstehen können, Jauch mache Jagd auf ihn: Er hat ihn vor gut einem Jahr in gleich zwei Zivilprozessen auf Zahlung von 175 Millionen und 16 Millionen Euro Schadensersatz verklagt.

Seine Aufgabe ist es, möglichst viel Geld für die Gläubiger einzusammeln

Anwalt Jauch hat dabei im Namen des Arcandor-Insolvenzverwalters Klaus Hubert Görg gehandelt, seines Kanzleipartners. Seit Görg sich Ende 2011 aus Altersgründen aus seiner Funktion bei Arcandor zurückgezogen hat, hat Jauch seinen Platz eingenommen – und ist damit nun auch öffentlich sichtbar zu einem der Großen des Insolvenzgewerbes avanciert.

In dieser Woche wurde ein weiteres Mal vor dem Landgericht Essen darum gestritten, ob Middelhoff tatsächlich Millionen zahlen muss. Am Mittwoch entschied das Gericht , der Ex-Manager sei zu Schadensersatz verpflichtet. Middelhoffs Anwalt kündigte Berufung an. »Immer wieder werde ich darauf angesprochen«, sagt Jauch, »oft heißt es: Dem Middelhoff, dem gibst du aber ordentlich einen mit, oder? Dann antworte ich: Warum sollte ich? Der Mann hat mir doch nichts getan! Ich habe persönlich nichts gegen den.«

Glaubt man Jauch, dann ist es einfach so: Ein Insolvenzverwalter hat die Pflicht, möglichst viel Geld für die Gläubiger zusammenzukehren. Versäumt er da etwas, haftet er selbst.

In der öffentlichen Wahrnehmung allerdings hat Jauch mehr getan, als eine Pflicht zu erfüllen. Er hat mit seinen Klagen ein grelles Licht in die schummerige Welt des Thomas Middelhoff geworfen. In ihren Schriftsätzen haben die Juristen des Insolvenzverwalters den Topmanager als Raffke gezeichnet, der seiner Firma überzogene Boni und Abfindungen entzogen hat und sich mit Flügen im Privatjet sowie anderen Annehmlichkeiten auf Unternehmenskosten verwöhnen ließ. Und der in die Machenschaften einer Clique um den Kölner Vermögensverwalter Josef Esch verstrickt war, die KarstadtQuelle, wie Arcandor mal hieß, ausbeinen wollte.

»Gut«, sagt Jauch, »man muss dem Gericht natürlich eine stimmige und lebensnahe Geschichte präsentieren, und man kann da auch Schreibfreude entwickeln.« So seien Schriftsätze zustande gekommen, die sich wie Wirtschaftskrimis lesen. Aber er habe keineswegs einem öffentlichen Interesse dienen wollen, die Schweinereien der Geldkaste publik zu machen. Dass so etwas wie die höhere Ethik im Wirtschaftsleben in die Zuständigkeit von Insolvenzverwaltern falle, kann Hans-Gerd Jauch nicht finden.

Um über Sinn und Zweck von Insolvenzverfahren zu reden, ist der triste Bau im Gewerbegebiet von Fürth ein passender Ort. Das Gebäude hat schon 2003 die Pleite von Grundig behaust, dem Unterhaltungselektronik-Fossil aus der Wirtschaftswunderzeit. Derzeit residiert hier, was vom Versandhandel Quelle übrig blieb.

Jauch ist hergekommen, um sich den 50 letzten Mitarbeitern einmal persönlich zu zeigen. Man hat sich in einem tristen Ambiente versammelt: ein neonbeschienener Konferenzraum mit Resopal und Pressspan-Möbeln, Nadelfilz, kümmerndes Bürobegleitgrün. Gedrückte Stimmung wäre hier passend – aber keine Spur davon. Jauch hat eine frohe, aufmunternde Botschaft für die Quelle-Nachhut parat: »Der Erfolg der bisherigen Abwicklung ist, gemessen an den Voraussetzungen, überragend. Das ist ausschließlich Ihr Verdienst, und dafür danke ich Ihnen sehr.«