Emmanuel Pahud steigt im Park Sanssouci von seinem schwarzen Mountainbike und schiebt es zielstrebig auf das Chinesische Teehaus zu. Vergoldete Statuen in Fantasiegewändern stehen auf niedrigen Sockeln rings um das einstöckige Gebäude, lagern neben dem Eingang am Boden. Die kleine Gesellschaft trinkt aus Teeschalen, reicht Früchte herum und spielt auf Musikinstrumenten. Emmanuel Pahud legt den Kopf in den Nacken und schaut blinzelnd zur Kuppel: Dort hockt ein Mandarin im Schneidersitz unter einem Sonnenschirm und betrachtet seinen Nabel. Seine Gesichtszüge wirken, wie die der anderen Statuen, europäisch. »Als das Teehaus ab 1755 gebaut wurde, hatte man hier keine asiatischen Modelle«, erklärt Pahud. Weil der gefeierte Querflötenvirtuose und Erste Flötist der Berliner Philharmoniker sich nicht genau erinnern konnte, ob unter den Musikantenfiguren auch ein Flötenspieler ist, sind wir nachschauen gefahren. Die Bestandsaufnahme der Instrumente ergibt nun: Gong-Kaskade, Tamburin, eine Klarinetten-Verwandte, Muschelhorn, Serpent, Laute und eine Art Geige. Keine Querflöte. Sie war wohl einfach nicht exotisch genug für Friedrich den Großen, der den Pavillon entwarf und in Auftrag gab. Für den König sei die Querflöte das Allernaheliegendste gewesen, erläutert Pahud, kurzzeitig ganz ernst: »Sie war seine Stimme.«

Was Pahud da sagt, gilt auch für ihn selbst. Er hat bereits mit fünf Jahren angefangen, Flöte zu spielen. Heute ist der 42-Jährige der weltweit gefragteste Solist auf diesem Instrument und mit seiner Querflöte aus Gold ständig unterwegs, wenn er keinen Orchesterdienst hat. Gerade deshalb mag es der Wahlberliner, »manchmal zu verreisen, ohne zu verreisen«. Wie gut sich gerade der Park von Sanssouci mit seinem südlichen Flair dafür eignet, hat er entdeckt, als er dort seine neue CD vorbereite: FlötenKönig heißt sie und ist eine Hommage zu Friedrichs 300. Geburtstag in diesem Jahr. Pahud spielt darauf Konzerte aus der Feder des Herrschers und seiner Hofkomponisten; für die Fotoaufnahmen schlüpfte er sogar in Kopien von Gehrock, Stulpenstiefeln und Dreispitz des Königs. Pahud ist damit der ideale Begleiter für eine frühlingshafte Radtour auf Friedrichs Spuren. Sie soll uns zu Stationen führen, die am 17. Juni auch Teil des Fahrradkonzerts sein werden: einer Veranstaltung mit Konzerten, Lesungen und Aufführungen an verschiedenen Orten in Potsdam, bei der die Besucher von einer Darbietung zur anderen radeln können. Das Motto in diesem Jahr: Friedrichs Potsdam.

Nachdem wir uns am frühen Nachmittag am Hauptbahnhof getroffen haben, ist unser erster Stopp der denkmalgeschützte Alte Friedhof. An der Pforte parken wir die Räder und machen uns auf die Suche nach dem Grab von Johann Joachim Quantz, Flötenlehrer des Monarchen. Eichhörnchen huschen die Baumstämme entlang; kleine wilde Frühlingsblumen bilden eigenmächtig Beete zwischen den Gräbern. Emmanuel Pahud wendet sein breites Kreuz im Gehen fast tänzerisch immer wieder von links nach rechts, um möglichst viel zu sehen, und erzählt: »Quantz war wegen seiner künstlerischen Autorität der Einzige, der den König kritisieren durfte.«

Am Dresdener Hof Augusts des Starken hatte der sechzehnjährige Friedrich 1728 zum ersten Mal das Spiel jenes Mannes gehört, der Mitglied der dortigen Hofkapelle, Komponist, Musikpädagoge und der bedeutendste Flötist seiner Zeit war. Friedrich war begeistert. Doch nur heimlich und selten wagte der damalige Kronprinz es, den Bewunderten gegen den Willen seines Vaters zum Unterricht zu bestellen. Friedrich Wilhelm I. versuchte, seinem Sohn Fritz die Aufklärung, das Flötenspiel und die Künste buchstäblich auszuprügeln. Der Legende nach, erzählt Pahud, habe Quantz sich einmal vor dem Jähzorn des Soldatenkönigs sogar im Schrank verstecken müssen.

Am zentralen Rondell des Friedhofs liegt der Ersatzvater des Königs nun begraben: Zwei stilisierte Flöten im Arm, betrauert ihn die Muse der Musik in Gesellschaft eines weinenden Knaben. Den Kleinen treffen die Sonnenstrahlen grell ins Gesicht, während das kummervolle Antlitz der Muse gnädig im Schatten liegt. Keine einzige Blume schmückt das Grab des Mannes, dessen Unterricht Friedrich die seltenen Glücksstunden seiner Jugend bescherte.

Zwischen lesenden und Schach spielenden Besuchern breiten wir die Picknickdecke aus

Sanssouci, den Ort der Zuflucht im Erwachsenenalter, schuf der Monarch sich selbst. Wann immer die preußische Staatsräson es zuließ, war er dort. »Hier komponierte und musizierte er«, erzählt Pahud, während wir nach unserem zweiten Stopp, dem Chinesischen Teehaus, unsere Räder durch den Rehgarten und über die Hauptallee entlang in Richtung Weinberg schieben. »Hier entwarf er Gebäude, genoss in seiner Tafelrunde das Obst seiner Gärten und versammelte etliche scharfsinnige Geister seiner Zeit.« Auch Quantz wurde von Friedrich, sobald der 1740 auf dem Thron saß, für ein ungewöhnlich hohes Gehalt nach Preußen abgeworben. Ihm folgten etliche der besten Musiker und Komponisten seiner Epoche. Doch auf Augenhöhe behandelte der Monarch niemanden außer Quantz; der König blieb bei aller Aufgeklärtheit Solitär und Maß aller Dinge. »Er gab immer das Tempo vor, am Hof wie in der Musik«, erzählt Pahud. »Er war nie gehetzt. Dieser Gestus ist auch der Schlüssel zu seinen Kompositionen. Das musste ich beim Spielen erst herausfinden.«