Ob ich meinen Koran dabeihabe?", fragt Basim. Ja, seinen Koran: den mit den Tabak- und Marihuanakrümeln zwischen den Seiten, auf denen mit Edding unliebsame Verse dick übertüncht sind. Seinen Koran, der vom vielen Lesen ganz verknautscht und zerschlissen ist. Wenn man Basim Usmani nach seinem Exemplar der Heiligen Schrift fragt, dann reagiert der Musikpartisan, die Rampensau, der Spötter und Niemals-Verlegene ganz unerwartet. Er zögert und schweigt.

Basim ist ein pakistanisch-amerikanischer Schlaks Ende zwanzig und der Leadsänger der Kominas. Seine Band gehört zu Taqwacore, einer Bewegung von Islam-Punks in Amerika. Das neue Musikgenre entspricht einem neuen Lebensgefühl, das religiöse und musikalische Stereotype auf provokante Weise kurzschließt. Da wird ein korantreuer Islam, der im Ruf steht, rückständig und verkniffen zu sein, demonstrativ vereint mit Underground, Coolness, Zynismus. Punk ist der Versuch einer jungen Generation von Muslimen, auszubrechen aus einer verfahrenen Islam-Debatte. "Ich will keine Assimilation, ich will den ganzen Mist hier in die Luft jagen", heißt es in einem der einschlägigen Songs. Ist das ernst gemeint?

Nein, es ist eine Provokation gegen den politisch korrekten Euro-Islam ebenso wie gegen den superfrommen Salafismus. Stattdessen inszeniert sich die zweitgrößte Weltreligion hier als wildes, schnaubendes, musikalisch begabtes Biest. Seit die Taqwacore-Szene vor acht Jahren entstand, gründeten sich Bands in Chicago, New York, Washington, Texas... Es ist ein religiöses Großraumexperiment. Aber ist es die Zukunft des Islams?

Zum Interview in Manhattan kreuzt Basim Usmani, das Aushängeschild der Bewegung, drei Stunden zu spät auf, bricht erst mal ein Kuchenstück von einem fremden Teller ab, zündet sich einen Joint an und kichert. Er spielt das berufsmäßige Enfant terrible, den typischen Punk. Aber was ist "islamischer Punk"? Und braucht man dazu den Koran? "Hör mal", sagt Basim ernst, "ich bin keine Mohammed-Karikatur und will auch keine werden!" Ernsthaftigkeit und Provokationslust liegen in den Songtexten der Band stets nah beieinander. Ihren allerersten Song nannten die Kominas "Rumi war schwul (und Wahhaj ist eine Schwuchtel)". Indem sie Rumi, den großen persischen Sufi-Dichter, als homosexuell outeten, griffen sie die Homophobie der muslimischen Community im Allgemeinen und den islamischen Prediger Siraj Wahhaj aus Brooklyn im Besonderen an, der für seine schwulenfeindlichen Äußerungen berüchtigt ist. Ähnlich lustvoll verhöhnen sie auch das nicht muslimische Amerika: Sharia Law in the U.S.A. lautet ein Songtitel und auch ein Slogan rechter Blogger, die davor warnen, dass die Muslime, obwohl sie nur ein Prozent der US-Bevölkerung stellen, die Demokratie aushebeln. Der Song beginnt mit einer Reverenz an die Sex Pistols: "I am an islamist, I am the antichrist." Es ist ein intertextuelles Spiel, bei dem Wut und Ironie sich mischen. Islam-Hasser werden ebenso abgewatscht wie muslimische Orthodoxe.

Aber woran glauben die Islam-Punks selber? "Do you know The Book? – Kennst du das Buch?", fragt Basim zurück. "Das Buch" ist eine Chiffre für das spirituelle Urdokument der Szene, den Roman Taqwacore, der eine amerikanische WG von islamischen Punks beschreibt. Die realen Bands, die sich heute zu Taqwacore bekennen, haben sich nach dem Vorbild dieser Romanfiguren gegründet: Jehangir mit dem Irokesenschnitt etwa, der vom Hausdach herab per E-Gitarre zum Gebet ruft. Ayyub, ein Womanizer, der sich als vorbildlicher Muslim sieht. Muzzamil, ein Schwuler, der seinen Lippenstift und seine Netzstrumpfhosen korankompatibel interpretiert. Und schließlich Rabeya, ein "Riot Grrrl", das den feministischen Hardcore repräsentiert, indem es ungeniert über Sex spricht und trotzdem Burka trägt.

Was im Roman oft wie Effekthascherei wirkt, hat jedoch einen tieferen Sinn. Denn hier werden die Fragen verhandelt, was liberaler Islam heute ist und wie seine Verschmelzung mit dem modernen Westen funktionieren könnte. Der Autor von Taqwacore, Michael Muhammad Knight, ist als Jugendlicher, im Sog der missionierenden Songs von Public Enemy, zum Islam übergetreten. Er verbrachte einige Zeit in Pakistan, um Koran und Sunna, die heiligen Texte des Islams, zu studieren. Später versuchte er seinen Glauben und das amerikanische Lebensgefühl übereinzubringen.

Auch Basim ist ein Wanderer zwischen den Welten. Wenn er sein Verhältnis zum Westen beschreiben soll, dann schwärmt er spontan von den Dichtern der angelsächsischen Romantik: "Keats und Byron habe ich immer geliebt. Wenn ich sie heute lese, bringen sie mich schlagartig zurück nach Lahore, Pakistan." Keats in Pakistan? "Als Teenager bin ich dort auf eine sehr kolonial geprägte Schule gegangen, wo ich lernte, die englische Poesie zu verehren." Dabei erwarb er sich auch einen Sinn für Ironie. Im Blog seines Labels Poco Party hat Basim einmal ein Manifest gepostet mit dem Titel How white power broke my heart. Es erzählt, wie er, der Pakistaner mit der dunklen Haut, sich in Konzerte der Rechtsradikalen schmuggelte, weil ihr Nazikult sein Herz erobert habe. Das war Satire. Und zugleich existenziell: Hier prüfte einer sein Milieu, seine subkulturelle Zugehörigkeit und auch seinen Glauben.