ZEITmagazin: Herr Polak, Sie gehen heute Abend in ein Udo-Jürgens-Konzert. Welche Bedeutung hat Udo Jürgens für Sie?

Polak: Die allergrößte. Ich meine das überhaupt nicht ironisch. Seine Musik, seine Texte haben mich immer begleitet. Ich bin in Papenburg im Emsland aufgewachsen in einer jüdischen Familie, dadurch war vieles sehr anders. Udo Jürgens war da tatsächlich ein Trost.

ZEITmagazin: Wie lernten Sie seine Musik kennen?

Polak: Als ich zehn Jahre alt war, hat mich meine Mutter auf ein Konzert mitgenommen. Obwohl sie vom Typ her eher hart ist, aber Udo Jürgens fand sie gut.

ZEITmagazin: Was meinen Sie mit »hart«?

Oliver Polak: Sie ist in Leningrad aufgewachsen. 1974 kam sie nach Deutschland. Sie wollte weg aus Russland , und das Gute war, dass die dich, wenn du jüdisch warst, in Russland eh nicht haben wollten. Sie ließen dich gehen, allerdings unter der Bedingung, nie wieder zurückzukehren. Ziemlich krass, aber meine Mutter hat es gemacht, und so landete sie in Bremen , wo sie in der jüdischen Gemeinde meinen Vater kennenlernte. Papenburg aber war für sie immer wie ein Sarg.

ZEITmagazin: Und da half Udo Jürgens?

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Polak: Ja, das Konzert war total beeindruckend. Ich saß am Bühnenrand, und er hat mir sogar die Hand geschüttelt. Zu Hause habe ich aus Lego das Bühnenset nachgebaut und dazu immer wieder die Platte Deinetwegen gehört. Seither hat er mich begleitet. Vor acht Jahren hatte ich eine sehr harte Zeit. Ich hatte viel in schlechten deutschen Comedy-Sitcoms mitgespielt, weil ich nicht wusste, was ich machen sollte. Dann erkrankte ich an Hodenkrebs, mir musste ein Hoden weggenommen werden. Die Frau, die ich geliebt hatte, verließ mich. Ich bin jeden Tag allein zur Bestrahlung gegangen, und einmal hing auf dem Weg ein Plakat: »Udo Jürgens live«. Ich wusste: Da muss ich hin. Wegen der Medikamente war ich ziemlich labil, und als er auf die Bühne trat, bekam ich fast einen Nervenzusammenbruch. Er sang: Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient. Das hat mir meine Stärke wiedergegeben. Für mich sind die Dinge im Leben wichtig, die Bestand haben. Udo Jürgens war Kontinuität. Auf den konnte ich mich verlassen. Dass da immer etwas ist, das mich berührt. Gerade in Deutschland ist heute in der Unterhaltung nicht mehr viel Wärme da.