Es gibt Menschen, die erst einmal warm werden müssen, wenn sie wildfremden Leuten gegenübersitzen. Rufus Wainwright gehört nicht dazu. Ein Augenaufschlag, ein erstaunlich schlaffer Händedruck, schon ist er auf Betriebstemperatur. Was dann folgt, ähnelt nur vom äußeren Rahmen her jenem Vorgang, der zwischen zwei Personen spielt und gemeinhin Interview genannt wird, vielmehr sieht man sich unverzüglich und verblüffenderweise auch ohne große Nachfragen über sämtliche aktuellen, seine Person betreffenden Entwicklungen unterrichtet. Kein Zweifel, dieser Mann versteht das schwere Geschäft des Überzeugens. Maßgeblichen Anteil daran hat seine Stimme.

Schon von draußen war es zu vernehmen gewesen, dieses sonore, leicht näselnde Organ, dessen metallische Färbung mühelos Wände durchdringt und drinnen, im durchdesignt nüchternen Ambiente einer Londoner Hotelsuite, ständig zu fragen scheint: Wo, bitte schön, geht’s hier zur Met? Nur angenehm klingt es nicht, vielleicht sollte man weniger von einer Stimme sprechen als von einem Mittel zur Aufmerksamkeitsherstellung mit zweifellos penetranten Subtönen sowie einer hohen Neigung zum Monolog. Und doch kann man nicht anders, als seinen Ausführungen begeistert zuzuhören. Rufus Wainwright auf eine Tasse Tee zu treffen fühlt sich an, als würde man von einem alten, mitunter ganz leicht nervigen Freund mal eben kurz auf den neuesten Stand gebracht.

Wo er nicht überall wieder gewesen ist! Paris, Berlin, Los Angeles, Montauk! Ein Leben im Dienste des kreativen Jetsets. Jetzt sitzt er wieder da, als wäre er nie weg gewesen, und alles ist genauso, wie man es von seinen Platten kennt. "Well...", pflegt er seine Sätze einzuleiten, auf diese gedehnte, den kleinen Finger abspreizende Art, die er so gut beherrscht und die einem von vornherein signalisiert: Vergiss es, Baby, nobody plays Wainwright like Wainwright. Wahr ist: Wenn dieses Wunderkind der Songkultur spricht, wird der schnödeste Raum zur Bühne. Mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie in Wunderkindkreisen häufiger vorkommt, in dieser Reinform allerdings nur noch Abkömmlingen verblassender Adelsgeschlechter oder eben schwulen Primadonnen zu Gebote steht, führt Wainwright seine Existenz coram publico. Aber auch Primadonnen sind vor den Wechselfällen des Lebens nicht gefeit.


Es ist ein neues Kapitel der Wainwright-Saga, das an diesem Londoner Frühlingstag das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Nach gefeierten Anfängen, diversen, in die Selbstüberhöhung als "Gay Messiah" mündenden Exkursionen in Pomp und Schwulst, nach der Vertonung von Shakespeare-Sonetten für seinen alten Freund Bob Wilson , einer rauschenden Hommage an Judy Garland sowie einem Intermezzo, in welchem der Held eine Oper schrieb, einfach um der Welt zu beweisen, dass er auch das kann, zeigt er sich auf seinem jüngsten Album Out Of The Game als nachdenklicher Enddreißiger, der mit einer Portion Skeptizismus auf seine bisherige Karriere zurückblickt. Von einer Midlife-Crisis zu sprechen sei in seinem Fall unangemessen, "als schwuler Mann hat man die mit 17", sagt er, nicht ohne seiner Pointe ein schallendes Gelächter hinterherzuschicken. Und doch spricht hier kein edler Ritter in schimmernder Rüstung mehr, wie wir ihn aus früheren Tagen kennen.

Jetzt hat er ein Kind – und Leonard Cohens Tochter ist die Mutter

Die Kränkungen haben ihn erreicht, allem voran die größte narzisstische Kränkung, die das Leben bereithält, der Tod. Im Januar 2010, während er die Herausgabe einer auf 15 CDs angelegten Retrospektive seines bisherigen Schaffens vorbereitete, starb seine Mutter , die Songwriterin Kate McGarrigle. So etwas kommt in den besten Familien vor, hier aber ging eine abgöttisch geliebte Vertraute und große Förderin verloren, denn bekanntlich entstammt Rufus Wainwright einer Sippe weltberühmter Herumtreiber und Folkmusikanten . Zu den erstaunlichen Wendungen seiner mittleren Jahre gehört aber auch, dass er, der weitgehend vaterlos aufwuchs, im vergangenen Frühjahr Vater wurde. Die Umstände der Zeugung sind eines der wenigen Dinge, über die er präzise Auskunft verweigert, doch scheint sie in zärtlichem Einvernehmen mit der biologischen Mutter vonstattengegangen zu sein, die niemand Geringeres ist als die Tochter Leonard Cohens , Lorca. Prinzenkind trifft auf Königstochter – "nicht der schlechteste Genpool", findet Wainwright. Das alles ist in Out Of The Game eingeflossen.

Vordergründig handelt es sich um das zugänglichste Stück Musik, das ihm seit Langem gelungen ist. Verschwunden ist das Opiumsüße, oft Überambitionierte seiner letzten Arbeiten, jetzt fließen die Songs wieder ins Ohr, als habe er schon immer nur im Sinn gehabt, sich dem Publikum von seiner geschmeidigsten Seite zu zeigen. "Endlich ist es mir gelungen, mich auszudrücken und gleichzeitig zu entspannen", sagt er selbst. "Gedauert hat’s ja." Seinen Anteil daran dürfte Mark Ronson haben, der Mann, der Amy Winehouse erfand und auch hier ein aktuelles, zum Glück nicht zu dick aufgetragenes Retro-Finish beisteuert. So viel fachkundiger, bevorzugt an Siebziger-Jahre-Klängen sich austobender Eklektizismus war selten, Elton John meets Foreigner und Ziggy Stardusts Spiders from Mars, man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass einem dieser Sound in Kürze aus allen besseren Radiostationen entgegenschallen wird.