Der Protest gegen Wladimir Putins Regime in Russland hat ein neues Gesicht: Blass und ausgemergelt ist es, aber auch entschlossen und selbstbewusst. Es gehört Oleg Schein, dem unterlegenen Bürgermeisterkandidaten aus der südrussischen Stadt Astrachan. Vor sieben Wochen traten er und 20 Mitstreiter wegen mutmaßlichen Wahlbetrugs in Hungerstreik und zwangen Moskaus politische Elite, endlich auf die Provinz zu schauen. Oppositionsführer flogen aus der Hauptstadt ein, und die Partei Scheins, Gerechtes Russland, wiederum stellte Putin im Parlament zur Rede. Der heizte den Konflikt weiter an, als er erklärte, die Ereignisse in Astrachan gingen ihn nichts an.

Das hatten sich seine Berater im Kreml anders vorgestellt: Nachdem sie den ersten Schock über die Demonstration von hunderttausend Oppositionellen im vergangenen Dezember verdaut hatten, hofften sie, Putin könne nach seiner Wiederwahl den Protest einfach aussitzen.

Der 40-jährige Schein hat Anfang März laut offiziellem Ergebnis die Astrachaner Bürgermeisterwahl gegen den Kandidaten der Putin-Partei Einiges Russland verloren. Nur knapp 30 Prozent der Wähler sollen für ihn gestimmt haben. Aber Astrachan, eine Stadt am Wolgadelta mit rund 500.000 Einwohnern, steht im Ruf, ein besonders tiefer Politsumpf zu sein. Einige unbotmäßige Abgeordnete wurden sogar Opfer von Schlägertrupps oder Brandstiftern. Wahlmanipulationen , beklagen Oppositionelle, hätten hier schon immer eine große Rolle gespielt. Schein glaubt, er sei um den Sieg betrogen worden.

Am Dienstag, nach 40 Tagen ohne feste Nahrung, erhob Schein wieder ein Glas Saft – auf seinen Etappensieg und das Ende des Hungerstreiks. Zwar hat er sein Maximalziel, eine Wahlwiederholung, noch nicht erreicht. Aber seine Aktion setzte den Leiter der Zentralen Wahlkommission in Moskau so sehr unter Druck, dass dieser sich eine Nacht lang mit Schein Videobilder der Kontrollkameras aus vielen der Astrachaner Wahllokale anschaute. Die Kameras hatte Putin zur Präsidentschaftswahl installieren lassen, um den Verdacht der Wahlfälschung schon im Vorfeld zu entkräften. Russlands oberster Wahlleiter musste nach der Filmvorführung eingestehen, dass es in der Mehrheit der Wahllokale in Astrachan zu Verstößen gekommen war. Schein hofft nun, vor Gericht eine Annullierung des Wahlergebnisses zu erreichen. »Wir haben Kindernahrung gekauft und frühstücken jetzt«, verkündete er zufrieden. 14 von 78 Kilogramm hat er verloren, aber neuen Mut für die Opposition gegen Putin gewonnen.

Mit der Protestbewegung ist es also keineswegs vorbei, auch wenn es vor einem Monat in Moskau noch so aussah. Bei der letzten Großkundgebung am 10. März auf dem Neuen Arbat musste die Moskauer Polizei nicht einmal mehr die Straße sperren. Die gut zehntausend Putin-Gegner fanden auch zwischen Parkplätzen und Bordsteinkante Platz.

Die Zeit der Massendemos ist zweifellos vorbei, und die Demonstranten müssen sich neu orientieren, nachdem ihre Forderung nach einer Neuwahl des Parlaments unerfüllt geblieben ist. Doch die Gründe, die vor allem in Moskau eine neue, urbane Mittelschicht auf die Straße trieben, bleiben bestehen: ein korruptes Regime, eine unfreie Justiz, ein oft unfähiger Staat. Mit Geldgeschenken der Regierung lässt sich dieser Teil der russischen Gesellschaft, der aus seinem Tiefschlaf erwacht ist, nicht mehr narkotisieren.