Anfang Februar erschien in der Berliner Zeitung eine Todesanzeige. Im Alter von 59 Jahren sei Knud Wollenberger seiner schweren Krankheit erlegen . Das Begräbnis habe in Irland stattgefunden, auf einem Naturfriedhof, im Freundes- und Familienkreis. »Und eine schwarze Sonne leckt die letzten Strahlen.«

Der Reporter hat dem Toten etwas zu verdanken: den Entschluss zur Ignoranz der eigenen Stasi-Akte. Der Fall Wollenberger bewegte 1992 Ost und West. Er illustrierte die Warnung von Jürgen Fuchs, die Akten des Ministeriums für Staatssicherheit enthielten ein » Auschwitz der Seelen«. Knud Wollenberger alias »IM Donald« hatte die eigene Frau bespitzelt . Fortan stand die DDR-Widerständlerin Vera Wollenberger, nunmehr bündnisgrüne Bundestagsabgeordnete, im Rampenlicht des medialen Stasi-Theaters. Hier war ausnahmsweise das Opfer, nicht der Täter, prominent. Das Ehepaar wurde sofort geschieden; ein Trennungsjahr sei nicht zuzumuten. Die beiden Söhne verblieben bei der Mutter. Vera Wollenberger nahm ihren Mädchennamen Lengsfeld wieder an. Bald, hieß es, verfilme Hollywood die Geschichte – mit Meryl Streep.

Wie für ein Drehbuch beschrieb im Spiegel Jürgen Leinemann den Schurken, der »sich, seinen Hut tief ins Gesicht gedrückt, an den Hauswänden entlangdrückt – armes Schwein. Knud Wollenberger ist ein sanfter, zerbrechlich wirkender Mann. Ein struppiger Vollbart verbirgt sein jungenhaftes Gesicht. Seine braunen Augen starren dem Frager stets gerade ins Gesicht. Aber wer dem Blick standhält, blickt in tote Knöpfe, gruselig.« Grusel erzeugte auch Leinemanns Gebaren. In ihrer Autobiografie Von nun an ging’s bergauf erinnert sich Vera Lengsfeld an »das Glänzen in den Augen, die plötzliche Spannung in seinem Körper, als er sich vorbeugte und mit bedeutungsvollem Unterton fragte: ›Ist es möglich, dass Ihr Sohn IM gewesen ist?‹ Leinemann konnte nicht ahnen, wie nahe er in diesem Moment einer Ermordung war.«

Das ist nun zwanzig Jahre her. 1996 registrierte man Vera Lengsfelds Übertritt zur CDU, danach ihr Ja zur bewaffneten Außenpolitik. 2005 schied sie nach 16 Jahren aus dem Bundestag. Im Wahlkampf 2009 drohten die Parteifreundinnen Lengsfeld und Merkel mit offensiven Oberweiten : »Wir haben mehr zu bieten.« Das reichte nicht. Die parteisoldatische Fügsamkeit der Christdemokratin Lengsfeld war ohnehin unterentwickelt. Derzeit ist sie freischaffende Autorin. Jüngst focht sie für Joachim Gauck. Oft schien es, als bekämpfe hier ein ideologisches Naturell bis zum jüngsten Tag die tote DDR. Vielleicht, so dachte man, blieb das die nötige Konstante nach dem großen Verrat.

Lässt der sich je verwinden? Gar verzeihen? Fragen wir doch selbst.

Vera Lengsfeld empfängt freundlich in ihrem Pankower Dachgeschoss. Ringsum Licht, Kunst, Harmonie. Sie kocht Kaffee. Lebendig erzählt sie von Thüringen, von Sondershausen, wo sie 1952 geboren wurde und noch heute das Anwesen der Familie bewohnt. Aufgewachsen ist sie in Berlin-Lichtenberg, am Hendrichplatz. Jüngst zeigte das der MDR, in Thomas Grimms Film Stasikinder : Vera vor sozialistischen Neubaublocks. Vera spielt Hopse. Vera bei der Jugendweihe, vom Vater gefilmt. Das Nein zur SED-Macht wurde ihr nicht an der Wiege gesungen. Vater Lengsfeld war Major der Staatssicherheit, wie die Tochter spät erfuhr. Mein Vater sprach nie über seinen Beruf, sagt Vera Lengsfeld. Es gab ein Dogma: Stell keine Fragen.

Aber das lässt sich ein Kind doch nicht bieten.

Doch. Bei meinen Freundinnen war es auch so.

Mit 17 begann sie sich von der DDR abzuwenden

Franz Lengsfeld unterstand zwei Mächten. Er gehörte zum militärischen Abwehrdienst, der zunächst der Nationalen Volksarmee, später dem Ministerium für Staatssicherheit eingegliedert wurde. Vera war 17, als sie die Wahrheit erfuhr. Ich sehe mich noch heute im Schlafzimmer meiner Eltern stehen, sagt sie. Die Sonne scheint herein, ich bürste Vaters Uniform aus. Ein Klappausweis fällt mir entgegen ... Der totale Schock.

Was war die Stasi für Sie? Schmuddelig?

Ja. Ja. Und ich bin bis heute froh, dass mein Vater bei der militärischen Abwehr war. Da weiß ich wenigstens, dass er mit den Typen, die mich drangsalierten, nichts zu tun hatte.

Bei Knud glaubte sich Vera der DDR schon halb entkommen

Es gibt ein Foto vom 7. Oktober 1969, dem 20. Jahrestag der DDR: Vera mit Freundin Nadia auf dem Berliner Alexanderplatz, umarmt von einem Eisbären. Die beiden Teenie-Perlen lächeln listig in die Kamera. Nadias Vater war stellvertretender Berliner Stadtkommandant, ein doppelmoraliger Genosse von Weib & Trunk. In seinem Keller befanden sich Kühlschränke voller Bananen: Nahrung für etliche Affen, die der Kommandant bei einem Vietnam-Besuch geschenkt bekommen hatte. Die Mädchen bedienten sich, doch Vera fand es unanständig, dass Affen bekämen, was DDR-Bürgern vorenthalten blieb. Derlei unsozialistische Impressionen erzählte sie daheim und bekam zur Antwort: untypisch. Einzelfall.

Gab es Konflikte?

Wahnsinnig. Als ich mit 17 begann, mich von der DDR abzuwenden, hatten wir ganz schreckliche Diskussionen. Trotzkistin! hieß das schlimmste Schimpfwort meines Vaters. Du weißt doch, was mit Trotzkisten passiert: Rübe runter! Meine Mutter war Lehrerin und viel früher kritisch als mein Vater. Die sagte: Mit diesem Bildungssystem von Frau Honecker züchten wir uns Idioten heran.

Zwecks sozialistischer Festigung der Tochter reisten die Eltern mit ihr 1969 nach Moskau und Leningrad. Diese Sowjet-Exkursion bewirkte das Gegenteil. Vera erlebte die himmelweite Distanz des realen vom gepredigten Sozialismus und erfuhr von 17 Millionen Toten des Stalinschen Terrors. 17 Millionen – so viele Menschen lebten in der DDR. Sie stellte sich vor, die alle wären tot. Und fragte sich, warum die Arbeiterklasse, an die Macht gekommen, ihre eigenen Freiheitsforderungen missachtete. Dennoch wurde Vera als Geschichtsstudentin SED-Mitglied. Halb zog man sie, halb sank sie hin, aus Karrieregründen. Aber sie maß die DDR-Realität an der Ursprungsvision. Allmählich geriet sie in dissidente Kreise. Im Februar 1980, nach gescheiterter erster Ehe, lernte sie Knud Wollenberger kennen und mit ihm eine andere Welt. Bei Wollenbergers, sagt Vera Lengsfeld, war man der DDR schon halb entkommen.

Das Villengrundstück in Berlin-Buch. Und was für eine Familie, verstreut von Amerika bis Israel. Die Mutter Dänin, der Vater Albert Wollenberger ein Biochemiker von Weltrang, Jude, Kommunist. 1937 floh er in die Schweiz und emigrierte in die USA. Seine Tante Helen Ducas war die Sekretärin Albert Einsteins, der für den Einwanderer bürgte. Anfang der fünfziger Jahre, in der McCarthy-Ära, verließ Wollenberger das Land und ging in die DDR – via Dänemark. In Kopenhagen wurde 1952 sein Sohn Knud geboren, der somit dänischer Staatsbürger war und als DDR-Bewohner Reisefreiheit genoss. Auf väterliches Verlangen studierte er Mathematik, doch eigentlich sah er sich als Dichter. Die Schattenseiten des Regimes blieben ihm erspart. Als er Vera Lengsfeld traf, war sie diplomierte Philosophin und SED-Genossin. Beide arbeiteten an der Akademie der Wissenschaften und wurden zwecks Kinderbetreuung ins Ferienlager Boltenhagen entsandt. An der Ostsee kamen sie sich näher. Knuds Heiratsantrag folgte alsbald.

Wir hatten einen Dissens, sagt Vera Lengsfeld. Ich wäre gern weggegangen aus der DDR, Knud als Jude sah sie als nötige Antwort auf Auschwitz. Seine jüdische Identität war ihm sehr wichtig. Ich sagte: Knud, ich heirate dich nur, wenn wir auf gleicher Ebene leben. Entweder wir gehen in den Westen, wo ich auch reisen kann. Oder du lebst mit mir wie ein DDR-Bürger in der DDR. 

Sie haben ihm das Westreisen verboten?

Er hätte mich ja nicht zu heiraten brauchen. Ich wollte nicht mit jemandem leben, der Sachen machen kann, an denen ich keinen Anteil habe.

Wurde Knud Wollenberger auf sie angesetzt?

Am 6. Dezember 1980 wurde die Ehe geschlossen. Was Vera nicht wusste: Die Stasi hatte Knud Wollenberger bereits 1972 rekrutiert und zum internationalen »Kundschafter des Friedens« auserkoren. Nun wurde aus dem Auslands- ein Inlandsspion. Vera Wollenbergers Dissidenz verstärkte sich. Sie wollte das System nicht stürzen, sie weichte es von unten auf. Sie zählte zu den Begründern des Pankower Friedenskreises, sie engagierte sich gegen Rüstung, in Umwelt- und Menschenrechtsgruppen und für die »Kirche von unten« – Gatte Knud stets an ihrer Seite. Vera verlor ihre Arbeit, flog aus der SED und begann 1985 ein Theologiestudium am Ostberliner Sprachenkonvikt. Knud wurde Imker.

Es kam der 17. Januar 1988, die sagenumwobene Liebknecht-Luxemburg-Demonstration. Alljährlich gedachten Hunderttausend der 1919 ermordeten Sozialistenführer mit einem Gedenkzug von der Berliner Innenstadt zum Friedhof Friedrichsfelde. 1988 verunreinigten Dissidenten und Ausreisewillige diese Märtyrer-Wallfahrt der SED mit einem Spruchband-Zitat von Rosa Luxemburg: »Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.« Dutzende Oppositionelle wurden wegen »Landesverrats« angeklagt, so auch Vera Wollenberger. Die Staatsmacht offerierte langjährige Haftstrafen oder West-Ausreise. Letzteres wählten Stephan Krawczyk und Freya Klier. Bärbel Bohley und Werner Fischer verschwanden für ein halbes Jahr nach England , dann durften sie zurück. Vera Wollenberger ging mit ihren beiden jüngeren Söhnen als Studentin nach Cambridge. Am Morgen des 9.November 1989 kehrten Vera und die Söhne heim, im Winter besucht vom Gatten, der sommers in Berlin-Buch die 120 Bienenvölker betreute. Ich wäre in England geblieben, sagte sie. Aber Philipp, mein Ältester, wollte unbedingt zurück ...

Die DDR ging unter. Ursula Lengsfeld, die Lehrerin, trauerte ihr nach – nicht Veras Vater. Der war 1986 »aus gesundheitlichen Gründen« pensioniert worden. Ungesunderweise hatte er einen Dienstbefehl verweigert: den Bruch mit der Tochter. Als 1988 das Neue Deutschland Vera zur Staatsfeindin ausrief, kündigte Franz Lengsfeld dem SED-Regime seine Liebe und erklärte: Meine Tochter ist keine Kriminelle. Schwiegervater Albert Wollenberger schrieb ihr ins Gefängnis und gestand, einst sei er gegen diese Ehe gewesen, weil Knud eine Jüdin heiraten sollte. Später gab er sich schockiert über die Stasi-Zuarbeit seines Sohns. Solche Perversionen sei der Sozialismus nicht wert.

Frau Wollenberger, wurde Knud auf Sie angesetzt? Kamen Sie auf Betreiben der Stasi zusammen?

Das ist völlig ungeklärt, dazu hat er sich nie geäußert. Mit seiner Enttarnung wusste ich gar nicht mehr, warum er mich geheiratet hatte. Gewiss blieb mir nur, dass er ein hinreißender Vater war.

Wie hat er über Sie berichtet? Und wie generell?

Man merkt eine Tendenz, mich von Aktionen fernzuhalten. Das Irre ist, dass es kaum Sachen von Knud gibt. Seine IM-Akte ist weg. Er stand auf einer Liste von Leuten, deren Akte noch im Dezember 1989 vernichtet wurde. Knud wusste nicht, dass eine zweite Akte existierte. Als ich ein Fall für die Stasi-Zentrale wurde, bekam Knud einen zweiten Führungsoffizier. Der ließ sich eine Handakte kopieren und verriet ihn nach der Wende.

»Seine Krankheit brach meine Versteinerung auf«

Hatten Sie nie einen Verdacht?

Ich fand in den Akten 49 IMs. Bei 48 hatte ich was gespürt. Es gab nur eine Überraschung: Knud.

Hätte er Ihre Ehe retten können?

Nach der Enthüllung? Dazu kannte er mich zu gut. Er sagte: Nun müssen wir uns wohl trennen. 

Und wenn er zu DDR-Zeiten gestanden hätte?

Dann hätte ich dafür gesorgt, dass er’s öffentlich macht. Ich kannte das Erpressungspotenzial.

Sie wollte kein leidenspathetisches Opfer sein

Was wäre dann mit ihm passiert?

Keine Ahnung. Ich musste meinen Mitstreitern ja auch beibringen, dass ich ’ne Stasi-Tochter bin. Gestreute Verdächtigungen gegen mich kursierten, manche haben sie geglaubt, Bärbel Bohley bis zur Aktenöffnung. Dann konnte ich ihr sagen: Siehste, Bärbel, dicht daneben ist auch vorbei. Wütend war ich auf Freunde, die im Herbst 1991 vom »IM Donald« wussten und mich ahnungslos ließen.

Und dann rollte die Medienlawine. Ein Tsunami des öffentlichen Interesses, sagt Vera Lengsfeld. Was hatten die für einen Anspruch auf mich? Knud besaß kein Amt, kein Mandat. Das einzig Interessante war ich, doch ich wollte kein leidenspathetisches Opfer sein. Rita Süssmuth als Bundestagspräsidentin musste einen Bann um mein Grundstück verhängen und untersagen, dass man sich meinen Kindern nähert. Meine größte Angst war, dass ich sie verliere. Knud hatte sie ja betreut. Aber Jacob und Jonas entschieden sich für mich.

Knud Wollenberger fiel aus allen Bezügen. Er wurde entwurzelt, die Schande sein Ruf. Fotos zeigen einen durchgeistigten Poeten, der wie ein Luftgänger wirkt. Bei Slam-Poetry-Wettbewerben sei er ein geschätzter Autor geworden, sagt Vera Lengsfeld. Leider habe sie sein Dichten nie würdigen können; für sie ende die Lyrik mit Lenau. Knud habe außerdem Millionen verdient mit einem Startup-Unternehmen und Cyber Knife, einem Patent zur punktgenauen Operation von Krebs.

1998 erkrankte er schwer. MSA, multiple System-Atrophie. Allgemeines Systemversagen, eine Art galoppierender Parkinson. Die Ärzte prophezeiten Knud, binnen eines halben Jahres werde er im Rollstuhl sitzen. Es dauerte länger.

Ziehen Sie eine Verbindung zwischen Krankheit und Spitzelei?

Davon bin ich fest überzeugt. Organische Ursachen wurden nie gefunden, es gibt da auch keine familiäre Tradition.

Waren Sie bei seiner Beerdigung?

Nein. Unsere Söhne waren dabei.

Wann sahen Sie Knud zum letzten Mal?

2009, bevor er nach Irland ging. Seine zweite Frau wollte ihn in einem anderen Land.

Was ist aus dem Hollywood-Projekt geworden?

Das habe ich abgeblasen. Das lief in Richtung absoluter Kitsch. Was geht die Öffentlichkeit meine Ehe an? Ich muss das schleppen, wie einen Buckel.

Im Jahr 2000 sandte Knud Wollenberger einen Brief, in dem er Reue zeigte und um Verzeihung bat. Sie wurde ihm gewährt. »Seine Krankheit brach meine Versteinerung ihm gegenüber auf«, schrieb Vera Lengsfeld 2002. »Er war ein Stasi-Spitzel, jetzt ist er der hilfsbedürftige Vater meiner Kinder.« Der Brief ist privat und soll es bleiben. Er enthält Versuche der Klärung: Knud bekannte, er habe Angst um seine Frau gehabt und sie durch Zusammenarbeit mit der Stasi schützen wollen. Das glaube sie ihm, sagt Vera. Außerdem sei Hass kein gutes Gefühl. Jonas Lengsfeld will nicht über seinen Vater reden, ist jedoch froh, dass er ihn noch wiederfand.

Frau Lengsfeld, können Sie je wieder vertrauen?

Natürlich, sonst hätte ja die Stasi gesiegt. Man soll weniger über die IM-Spitzel reden als über das System. In einer Demokratie ist es leichter, sich anständig zu verhalten. Aber ...

Aber?

Aber nicht jeder nutzt diese Chance.