Vor genau drei Jahren, im April 2009, ging es im Hamburger Theater einmal sehr revolutionär zu: Der Regisseur Volker Lösch stellte 24 in Armut lebende Menschen auf die Bühne des Schauspielhauses und ließ sie die Namen von 28 sehr reichen Menschen rufen. Sowohl die armen als auch die reichen Menschen waren real existierende Hamburger. Die Armen riefen die Namen der Reichen, und sie riefen jedem Namen noch eine Summe hinterher: etwa »Frank Leonhardt«, und dann: »450 Millionen Euro.« Oder sie riefen: »Thomas Ganske«, und dann: »550 Millionen Euro.« Das Publikum erfuhr einen Namen und dann die Höhe des Vermögens, das der Betreffende besitzt. Aber nicht nur das; der Chor sprach langsam, zum Mitschreiben, auch die Adressen, unter denen die Reichen zu erreichen sind.

Der Theaterabend hieß, mit Bezug auf Peter Weiss: Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? Das Publikum wartete gierig auf neue Millionärsnamen und auf immer höhere Zahlen, es geriet in eine übermütige Wut, denn es wurde vom Theater von eigener Schuld befreit und ermächtigt, sich endlich mit Recht zu empören.

Die höchste Zahl, die im Schauspielhaus verlesen wurde, lautete 8,1 Milliarden Euro; auf diese Summe belief sich damals das Vermögen der Familie Otto , und man hatte den Eindruck, spätestens dann, wenn die 10-Milliarden-Grenze durchbrochen worden wäre, hätte das Schauspielhauspublikum nicht mehr an sich gehalten, es wäre aus dem Theater gestürzt und hätte die Revolution ausgerufen.

So weit kam es aber nicht. Das Publikum blieb sitzen. Am Ende jubelte es lange, als habe es soeben etwas beschlossen. Aber was? Man hatte sich wohl dann doch damit begnügt, den Umsturz im Geiste mit sich selbst auszumachen. Wie sagt Robespierre in Georg Büchners Schauspiel Dantons Tod: »In einer Stunde verrichtet der Geist mehr Taten des Gedankens, als der träge Organismus unsres Leibes in Jahren nachzutun vermag. Die Sünde ist im Gedanken. Ob der Gedanke Tat wird, ob ihn der Körper nachspielt, das ist Zufall.«

Nachdem es 15 Minuten lang applaudiert hatte, strömte das Publikum an jenem Abend im April 2009 aus dem Hamburger Schauspielhaus, und man hatte den Eindruck, dass der im Saal geknüpfte Empörungszusammenhang in der frischen Luft keine zwei Minuten überdauern würde.

Jetzt, drei Jahre später, sitzen wir alle wieder im Hamburger Theater, diesmal im Thalia Theater , und wir werden darüber informiert, dass es gut gewesen ist, damals nicht loszuschlagen. Die Regisseurin Jette Steckel inszeniert Büchners Danton, und sie zeigt uns schon im ersten Bild, dass Revolutionen nicht funktionieren. Warum nicht? Weil sie, einmal entfesselt, nicht mehr aufhören wollen.

Die Bühne wird beherrscht von einer ausgehöhlten, geplünderten, nur aus einem Längen- und einem Breitengrad bestehenden Weltkugel, welche sich mahlend im Uhrzeigersinn dreht. Angetrieben wird sie von keuchenden Menschen, die Mehl oder Steinstaub auf den Kleidern tragen: Arbeiter im Weinberg des allegorischen Theaters.