Seit dem 15. Jahrhundert wird das aus Asien nach Europa gelangte Schach in seiner heutigen Form gespielt; eine Weltmeisterschaft gibt es immerhin seit 1886. So tief Schach also in der Vergangenheit wurzelt, so sehr ist es durch das Internet erblüht. Wenn am 10. Mai in Moskau der WM-Zweikampf beginnt, wird die ganze Welt zuschauen – und nicht nur, weil es um die 2,55 Millionen Dollar eines russischen Sponsors geht. Viswanathan Anand , 42, amtiert als Weltmeister seit 2007. Der »Tiger von Madras« ist der spielstärkste Inder der Geschichte; er hat die jahrzehntelange Dominanz der Russen beendet. Nun stellt er sich dem Israeli Boris Gelfand, 43, der seit langem zu den Spitzenspielern zählt, sich als Herausforderer aber erst jetzt hat qualifizieren können. Während sich der Titelinhaber seit Wochen in Bad Soden vorbereitet und nicht zu sprechen ist, hat sich der Aspirant in die österreichischen Alpen zurückgezogen. Unsere Fragen durften wir ihm nur per Mail stellen; kein Besuch, kein Telefonat soll seine Konzentration stören. In seinen Antworten wirkt er kultiviert und umgänglich. Kraftmeierei liegt ihm nicht. Am Brett ist er auch so gefährlich genug.

DIE ZEIT: Viele junge Schachspieler träumen davon, einmal Weltmeister zu werden. Wie war das bei Ihnen?

Boris Gelfand: Ich habe mein ganzes Leben lang davon geträumt, ein guter Schachspieler zu werden. Natürlich hatte ich auch Vorbilder, wie etwa den Polen Akiba Rubinstein. Aber mein Ziel war es nicht, Weltmeister zu werden, sondern in meinem Spiel ein sehr hohes Niveau zu erlangen. Das versuche ich bis heute.

ZEIT: Wann haben Sie zum ersten Mal gedacht: Ich könnte wirklich die Gelegenheit haben?

Gelfand: Über meine Chancen habe ich nie nachgedacht. Mein Verständnis des Spiels und das Niveau meiner Vorbereitung sind ziemlich hoch. Aber ich arbeite lieber an meinem Schach, als mir etwas auszurechnen.

ZEIT: Sie spielen seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Weltspitze. Woran liegt es, dass Sie noch nie Herausforderer wurden?

Gelfand: Im Jahre 1991 nahm ich erstmals an der WM-Qualifikation teil und verlor im Viertelfinale gegen den Engländer Short. Damals war ich jung und wusste nicht, wie man sich richtig vorbereitet, und vielleicht hatte ich meinen Gegner unterschätzt, der ein fantastisches Match spielte. Unglücklicherweise wurde der übliche WM-Zyklus in den neunziger Jahren zerstört. Im aktuellen Zyklus schaffte ich es bis ins Finale.

ZEIT: Als 43-Jähriger den Weltmeister herauszufordern – ist das nicht ein wenig spät?

Gelfand: Eine eigenartige Frage. Viktor Kortschnoi hat drei WM-Kämpfe gespielt, mit 43, 47 und 50.

ZEIT: Für wie wichtig halten Sie das Alter im Schach? Kann Erfahrung das Schwinden physischer Stärke wettmachen?

Gelfand: Wissen Sie, an der Spitze ist alles wichtig, seien es die Vorbereitung, die körperliche oder die seelische Verfassung. Ich glaube nicht, dass die Jungen irgendeinen Vorteil gegenüber den Älteren haben. Natürlich muss ich mehr tun, je älter ich werde. Andererseits habe ich Schach noch nie so genossen wie jetzt.

ZEIT: Sie sind der Mann, der sich für diesen Kampf qualifiziert hat. Der genialische junge Norweger Magnus Carlsen , Nummer eins der Weltrangliste, blieb der Ausscheidung fern. Und der Armenier Levon Aronian , Nummer zwei, wurde auf dem Weg ins Finale geschlagen. Kaum jemand hat mit Ihnen gerechnet. Wird Boris Gelfand von der Schachwelt unterschätzt?

Gelfand: Was geredet wird, interessiert mich nicht. Ich versuche, mein bestes Schach zu spielen.

ZEIT: Der frühere Weltmeister Garri Kasparow hat bissig angemerkt, der bevorstehende WM-Kampf sei nicht der zwischen den beiden besten Spielern. Was sagen Sie dazu?

Gelfand: Das interessiert mich nicht.

ZEIT: Sie sind der Herausforderer, nicht der Favorit. Könnte Ihnen das helfen? Weltmeister Anand scheint derzeit Motivationsprobleme zu haben…

Gelfand: Ich kann nicht für Anand sprechen. Er ist ein brillanter Spieler, amtierender Champion und ein netter Mensch. Wir beide haben Stärken und Schwächen. Das Match wird zeigen, wessen Spiel in diesem Moment besser ist.