Wie kommt ein Marokkaner mit seiner Klapperkiste durch den staatlich vorgeschriebenen Sicherheitscheck? Ganz einfach. Er trifft sich mit dem Prüfer im Café und kommt mit einer abgestempelten Urkunde wieder heraus. Erfolgsquote: 100 Prozent.

So erzählt es Xavier Landouer – von früher. "Heute sieht das ganz anders aus", sagt der Chef von Dekra Automotive Maroc auf dem Weg zu einer Station des deutschen Prüfkonzerns im Süden der Vier-Millionen-Stadt Casablanca. Im Jahr 2007 rief der marokkanische Transportminister die Dekra in sein aufstrebendes Schwellenland , um das zu tun, was die ordentlichen Deutschen angeblich besonders gut können: kontrollieren. Marokko wollte endlich ein funktionierendes Prüfsystem für Autos, der deutsche Prüfkonzern sollte es mit aufbauen. Und die Deutschen wurden ihrem Ruf gerecht. Nun herrschen auch unter Marokkos Sonne neue Sitten. "Fünf Prozent der vorgeführten Fahrzeuge fallen bereits durch", sagt der 52-jährige Dekra-Manager. Die Quote müsse noch deutlich höher werden.

Prüfen und zertifizieren ist das Geschäft von TÜV Süd, TÜV Rheinland, TÜV Nord und Dekra, und die vier vermarkten nicht nur ihre Erfahrung bei der Fahrzeugkontrolle: In China prüfen sie Spielzeug, Mikrowellenherde und LED-Birnen, in Indien Textilien und Lebensmittel. In Portugal inspizieren die deutschen Konzerne Solaranlagen, in Singapur Aufzüge. Die Türkei nimmt südkoreanische Kernkraftwerke nur ab, wenn die Deutschen genickt haben, und Windräder vor Schweden kommen nur mit deutschem Attest ins Wasser. TÜV und Co. kalibrieren für Schottland die Messgeräte der Offshore-Ölförderer und bewerten in Brasilien Produktionsprozesse und Managementsysteme. Überall auf der Welt schulen sie Techniker und legen Produktfälschern das Handwerk.

Alles begann mit den regionalen Dampfkessel-Revisionsvereinen, den späteren TÜVs, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der Industrie zur Unfallverhütung gegründet wurden. Gefolgt von der Dekra, die 1925 von großen Fabrikanten zur freiwilligen Überprüfung ihrer Fuhrparks aufgebaut wurde. Heute setzen sie jeweils Milliarden um. "Der Markt für technische Prüf- und Zertifizierdienstleistungen wächst jährlich um rund zehn Prozent", sagt Manfred Bayerlein, 52, der Vorstandsvorsitzende des TÜV Rheinland, in der Kölner Zentrale, "und wir wollen noch schneller wachsen."

Die Nebenwirkung: Mit ihrem Erfolg in fremden Ländern verschaffen die Prüfriesen dort auch deutschen Vorstellungen von Qualität und geordneten Abläufen Geltung.

Hinge nicht das Porträt von König Mohammed VI. an der Wand, man könnte glauben, die in Weiß und Grün gehaltene Dekra-Station mit ihren sauber gefegten Prüfstraßen liege nicht in Casablanca, sondern in Castrop-Rauxel oder Cannstadt. Inspekteur Hassan arbeitet im frisch gebügelten dekragrünen Arbeitskittel die Prüfliste an einem zwölf Jahre alten Toyota ab. Hassan, Mitte 20, hat nach der höheren Schule zwei Jahre Mechaniker gelernt, dazu kam eine halbjährige Qualifikation durch die Dekra. Und er lernt weiter. "72 Stunden Fortbildung sind jedes Jahr Pflicht", erzählt der junge Techniker. Wenn er auf die Bremse des Autos tritt, werden die Werte automatisch vom Computer festgehalten. Alle auf dem nummerierten Zertifikat fixierten Ergebnisse werden dann an die Dekra-Zentrale im Stadtteil Sidi Maarouf und das Transportministerium weitergemeldet. "Es gibt kaum noch manuelle Eingriffsmöglichkeiten", sagt Landeschef Landouer.

Der Marokkaner erhält die Plakette – und fährt sogar in die Werkstatt

Ahmed, der Toyota-Besitzer, von Beruf Lastwagenfahrer, bekommt am Ende die begehrte Plakette auf die Windschutzscheibe, dazu ein Zertifikat auf durch Hologramme gesichertem Spezialpapier. Darauf sind Mängel an seinem Toyota notiert. Natürlich werde er diese reparieren lassen, beteuert der Mittvierziger, schließlich fahre seine ganze Familie in dem Auto mit. "Es ist neu, dass die Leute nach der Prüfung tatsächlich in die Werkstatt fahren", sagt Landouer, der vor 16 Jahren zur französischen Dekra-Tochter in Paris stieß.

Clemens Klinke kroch früher selbst als Prüfingenieur unter die Autos, jetzt leitet der 55-Jährige in der Dekra-Zentrale in Stuttgart das weltweite Autogeschäft. Dass Marokko die Dekra ins Land holte, sei kein Zufall gewesen: "Die Deutschen haben halt am meisten Erfahrung beim Thema Fahrzeugkontrolle." Und clever sind sie auch.