Ismail Afzali atmet schwer. Manchmal schluckt er, als ob er einen viel zu dicken Brocken herunterwürgen müsste. Werden ihm gleich die Tränen kommen? Aber nichts, kein Ausbruch, keine Erleichterung. "Afghanische Männer zeigen selten Gefühle", sagt Anne Hahn. Sie sitzt neben ihm auf einer Parkbank auf dem Gelände des Bezirksklinikums Mainkofen. Sie berührt ihn am Arm, nimmt seine Hand. Ismail Afzali ist erst 21 Jahre alt. Was er erlebt und erlitten hat, könnte für drei Leben reichen.

"Er ist wie ein Sohn für mich", sagt Frau Hahn. Die 65-Jährige ist Ärztin im Ruhestand, lebt in Passau und kümmert sich um Afzali, half ihm sogar, unterzutauchen, als die Behörden seine Abschiebung angeordnet hatten.

Im Jahr 2009 war Ismail – damals wohl 17 oder 18, er weiß es nicht genau – nach Deutschland geflohen. Die Taliban hätten ihn bedroht. Im März 2012 sollte er aus der Abschiebehaft in München-Stadelheim ins Flugzeug nach Kabul gesetzt werden. Wenige Stunden vor dem Termin brach er zusammen. In der Psychiatrischen Klinik München-Haar diagnostizierten die Ärzte eine Posttraumatische Belastungsstörung. Später verlegte man ihn auf Betreiben Hahns nach Mainkofen, das näher an Passau liegt. Der Fall bewegt inzwischen ganz Bayern.

München war für den jungen Afghanen eine Stadt der Hoffnung gewesen. Als er mit einem Onkel aus seinem Heimatdorf in der zentralafghanischen Provinz Ghazni geflohen war, riet ihm der Onkel, nach München zu gehen, dort sei es schön und sicher. Von den deutschen Gesetzen sagte der Onkel nichts. Sie sollen verhindern, dass Menschen wie Ismail hier Fuß fassen.

"Ich bin doch kein Verbrecher"

Die Beamten vom Bundesamt für Migration glaubten Afzali nicht, dass die Taliban ihn vor die Wahl stellten, ein Terrorist zu werden oder zu sterben. So kam er in die Abschiebehaft. "Was habe ich denn falsch gemacht, ich bin doch kein Verbrecher?", fragt er.

Anne Hahn, die sich seit Jahren in der Flüchtlingshilfe und im Umweltschutz engagiert, kann die Härte der bayerischen Behörden in diesem Fall nicht verstehen. Der junge Afghane sei ein "Musterbeispiel für Integration". Mit enormem Fleiß habe der Analphabet Deutsch gelernt. Er habe sich selber eine Arbeit gesucht und sogar ehrenamtlich im Altenheim gearbeitet. Afzali will Altenpfleger werden, eine Tätigkeit, um die sich Deutsche nicht reißen.

Stockend berichtet Ismail Afzali über seine von einem Schleuser organisierte, teilweise lebensgefährliche Odyssee, die ihn schließlich nach Passau in Niederbayern verschlug. Ausgerechnet ins konservative Passau.

"Überdurchschnittlich hart und herablassend" würden Flüchtlinge hier behandelt , sagt Peter Kühne, ein emeritierter Soziologieprofessor aus Dortmund, der seinen Ruhestand in Passau verlebt und alle zwei Wochen im Asylcafé der Diakonie aushilft. Obwohl in Passau ein SPD-Oberbürgermeister regiere, würden Ermessensspielräume im Asylgesetz nicht ausgeschöpft. Man wolle halt möglichst schnell abschieben.