Das Gerät ähnelt dem Scanner einer Ladenkasse. Handgroß, schwarz-gelb, auf Knopfdruck verschickt es einen Laserstrahl und scannt den Barcode auf der Plastikkarte des Studenten. Es tutet, und der Student ist im Computersystem der Uni als anwesend erfasst. »Das ist ganz normal, wenn man es nicht anders kennt«, sagt Matthew Reuter, Medizinstudent im vierten Semester an der Universität Münster. »Ob ich nun auf einer Liste unterschreibe oder meine Karte scannen lasse, irgendwie muss die Präsenz von Studenten ja festgestellt werden.« Aber: Muss sie das wirklich?

Seit Jahren gibt es Streit um diese Frage. Die Anwesenheitspflicht war ein heftig diskutiertes Thema bei der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge und den Studentenprotesten 2009. Als der Arbeitsaufwand für die verschiedenen Studiengänge bestimmt wurde, vergaben die Hochschulen Leistungspunkte für die Lernzeit, und dazu gehörte auch die Zeit, die Studenten im Unterricht verbringen. Infolgedessen hielten es immer mehr Dozenten für nötig, die Anwesenheit in ihren Kursen auch zu kontrollieren. Zu oft gefehlt hieß vielerorts: nicht bestanden oder nicht zur Prüfung zugelassen.

Wäre es bei solchen Regeln geblieben, die Scanner aus Münster hätten möglicherweise auch in anderen Massenfächern dankbare Abnehmer gefunden. Doch die Studenten wehren sich bis heute gegen eine Präsenzpflicht, und auch viele Dozenten halten eine Kontrolle für überflüssig – lässt sich Geistesgegenwart doch ohnehin nicht erzwingen.

»Jeder kann selber am besten entscheiden, ob er zu einer Vorlesung gehen muss, den Stoff lieber alleine oder in einer Lerngruppe durchnimmt«, sagt Franziska Traube, Biochemiestudentin an der TU München und Sprecherin der bayerischen Landesstudierendenvertretung. »Alles andere ist eine Bevormundung und eine Einschränkung der Flexibilität.« Studieren mit Kind, Nebenjob oder kranken Angehörigen oder auch ein Doppelstudium, so die Gegner, werde durch übertriebene Anwesenheitspflichten unmöglich gemacht.

Die Sache schien endgültig im Sinne von Franziska Traube und ihren Mitstreitern erledigt zu sein, als im Angesicht der Bildungsstreiks immer mehr Hochschulleitungen und die Politik den Studenten beipflichteten. So kritisierte die Kultusministerkonferenz im Oktober 2009 die »zu hohe Anwesenheitspflicht«. An der TU Dresden stellte das Rektorat kurz darauf klar, dass eine Anwesenheitspflicht ausschließlich in den Lehrveranstaltungen zulässig sei, in denen sich die Studenten aktiv beteiligen, etwa bei Laborpraktika oder Exkursionen. Ansonsten verstoße sie gegen das Recht der Studierfreiheit. Auch Margret Wintermantel , bis vor Kurzem Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz , ist der Meinung, dass eine generelle Präsenzpflicht »nicht sinnvoll« sei, »weil sie den Studierenden die Verantwortung dafür nimmt, wie sie ihr Studium gestalten«.

Doch nun, nur zweieinhalb Jahre nach den Bildungsstreiks, werden Stimmen laut, die trotz allem eine Anwesenheitspflicht fordern. Eines der genannten Argumente ist die Planbarkeit. Ohne Präsenzpflicht sei es kaum möglich, passende Räume zu vergeben, weil die Teilnehmerzahlen so stark schwankten, sagt Axel Polleti, Geschäftsführer des Sprachenzentrums an der Uni Passau. Ein anderes Argument ist die Leistung. »Der Notendurchschnitt sinkt«, sagt Polleti. »Die Zahl derer, die indiskutable Arbeiten abgeben, hat extrem zugenommen, seit die Studenten nicht mehr anwesend sein müssen.« Vor allem die Englischdozenten würden über einen erhöhten Korrekturaufwand klagen.

Muss man Studenten wie Schulkinder zum Lernen zwingen?

Das Grundproblem bei der Diskussion: Es gibt keine Untersuchungen dazu, ob es sich mit oder ohne Präsenzpflicht besser lernt. Stattdessen verweisen selbst Hochschulforscher auf ihre persönliche Erfahrung im Seminarraum. Klaus Wannemacher vom Hochschul-Informations-System (HIS) hat den Eindruck, dass »zu starke Freiräume möglicherweise ausgenutzt werden«.