Franz Moor, der unglückliche Bösewicht aus Schillers Drama Die Räuber , war auf bestem Weg, ein großer Clown zu werden. Er ging nur nicht weit genug. Im 5. Akt des Dramas reißt sich Franz, um seinen Feinden zu entkommen, die Schnur vom Hut und erdrosselt sich. Gern wird die Szene auch entschlossen blöd inszeniert, indem Franz mit beiden Händen die eigene Kehle packt und sie rüttelnd zudrückt.

Ein Tragöde ist ein Mann, der vor seinen Zuschauern in den Tod geht – und liegen bleibt. Ein Clown ist ein Mann, der aus dem Tod staunend wieder hervorgeht. Peter Shub, der amerikanische Komiker, spielt in der Revue Lachen machen – die Könige der Clowns , die derzeit durch Deutschland tourt, wie das geht. Er zeigt die Franz-Moor-Nummer als Fehltritt: Ein Schussel tappt mal kurz ins Totenreich. Shubs rechter Arm verirrt sich im Ärmel eines herrenlosen Mantels, und nun, aus dem fremden Kleidungsstück selbst wie fremd herauslangend, wird die meuternde Hand zum Feind; sie packt sich den Hals des armen Shub: Die Hand erkennt ihren Herrn nicht mehr, der Herr erkennt seine Hand nicht mehr. Beide kämpfen aus purer Muskelneugier gegeneinander: Wer wird siegen?

Clownerie ist immer auch ein Spiel ums Ende, an der Grenze zum Tod. Schwierig wird es nur, wenn man das Gefühl bekommt, das Spiel selbst sei an sein Ende, an den Rand seiner Möglichkeiten gekommen – als erschöpfte Form. Die Männer auf der Bühne sind Oleg Popov, 81, Avner Eisenberg, 63, René Bazinet, 57, David Shiner, 58, und der Jüngste, Peter Shub, ist auch schon 54. Man begegnet einem Publikum, das einen ähnlichen Altersdurchschnitt hat, und man zeigt Nummern, die, wie Wanderlegenden, seit vielen Jahren in der allgemeinen Erinnerung spuken.

Am tiefsten hinunter in die Vergangenheit führt uns Oleg Popov . Der russische Staatsclown spielt noch immer den Sonnenscheinfänger und Kaninchenzauberer, ein Wesen am Morgen seines Lebens. Peter Shub und David Shiner hingegen sind Neurotiker von heute, ein sanfter Schwermütiger der eine, ein höhnischer Choleriker der andere, und man ahnt, wenn man sie sieht, dass der moderne Clown stets in Gefahr ist, als Kranker missverstanden zu werden: als ADHS-Kranker nämlich. René Bazinet wiederum ist die Sehnsucht anzumerken, sich in eine durchscheinende Trickfilmfigur zu verwandeln, die Geräuschwelt der Cartoons umgibt ihn schon, er produziert sie selbst mit Lippen und Kehlkopf.

Bis zum 26. Mai tourt die Revue durch Deutschland. Man kann sie mit Wehmut betrachten, weil sie etwas Untröstliches hat – wie alles, was sich nicht mehr entwickelt. Man kann sie aber auch mit Stolz betrachten – wie jede menschliche Errungenschaft, die unsterblich ist. Die Clowns sind in der Stadt, und also darf man einen Witz erzählen: Ein Schwermütiger kommt zum Arzt, weil er seiner Trauer nicht mehr Herr wird. Der Arzt rät ihm, heute Abend in die Stadthalle zu gehen, da gastiere ein Clown, dessen Kunst jeden Unglücklichen zu heilen vermöge. Der Patient seufzt: Dieser Clown bin ich selbst.