Eine "Ansammlung von hehren Zielen" nennt Claudia Kemfert, die parteilose Wissenschaftlerin, die von Röttgen zur Schattenministerin für Energie berufen wurde, den Vorschlag, wobei "die Umsetzungsperspektiven fehlen" würden. Röttgen ist allerdings in den Landtagswahlkampf ganz ohne quantifizierte Klimaschutzziele gezogen – laut seinem Energiekonzept für ganz Deutschland sollen die Emissionen bis 2020 um 40 Prozent und bis 2050 um "mindestens 80 Prozent" sinken.

Röttgen und Kraft, beide wollen irgendwie das Gleiche: sich als Vorreiter in Sachen Energiewende und Klimaschutz profilieren, dabei aber dem Energieland NRW nichts zumuten. Aus Rücksicht auf die Industrie. Und aus Angst, die Wahlen zu verlieren, wenn die Menschen erfahren, was auf sie zukommt. Ausgerechnet in dem Land, in dem sich der Erfolg der Energiewende entscheidet, wird der politische Wettstreit zu einem Scheinkampf. "Vernünftig" wollen die Liberalen die Energiewende gestalten, nicht "planwirtschaftlich" wie Rot-Grün. Und die Linken wollen die Stromanbieter verstaatlichen. So drücken sich die Spitzenkandidaten davor, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

Ein Cent Strompreiserhöhung kostet das Unternehmen Millionen Euro

Denn ganz ohne Zumutungen wird sich die Energiewende nicht organisieren lassen. In Deutschland nicht und erst recht nicht in Nordrhein-Westfalen. 19 der 50 umsatzstärksten deutschen Unternehmen haben dort ihren Sitz. 500.000 kleine und mittlere Unternehmen haben ihren Hauptsitz in NRW – dazu Weltkonzerne wie ThyssenKrupp und Bayer. Und, nicht zu vergessen, E.on und RWE, Deutschlands größte Stromkonzerne. Ihre Firmenzentralen liegen nicht umsonst in Düsseldorf und in Essen, in dem Bundesland mit dem höchsten Stromverbrauch.

Kein anderes Land hängt so am Tropf von viel billiger Energie, und die Industrie fürchtet, dass der Klimaschutz den Strom verteuert. Steigt der Preis nur um einen Cent, kostet das energieintensive Betriebe schnell mehrere Millionen Euro pro Jahr. Krafts geplantes Klimaschutzgesetz gefährde "mittel- und langfristig den Energie- und Industriestandort NRW", wettern die Industrie- und Handelskammern. Das sei ein "wirtschaftspolitischer Irrweg". Der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) warnt, das Klimagesetz laufe "auf eine Verabsolutierung des Klimaschutzes ohne Abwägung gegen andere wichtige Ziele hinaus".

Doch auch das Verhältnis zu Röttgen ist belastet. Die Chefs der Stromkonzerne RWE und E.on halten die Energiewende des Bundesumweltministers für "völlig überhastet". Die Ungewissheit, wie sich der Umbau der Energieversorgung auf die Unternehmen auswirkt, verunsichert Firmenchefs, wenn sie über Investitionen entscheiden sollen. Und Heinrich Hiesinger, der Chef des Stahlkonzerns ThyssenKrupp, bemängelt "die fehlende Absicherung von Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit". Der Konzern müsse bereits seine Edelstahlsparte an einen finnischen Konkurrenten verkaufen, auch weil man sich die zusätzlichen Umweltkosten nicht mehr leisten könne. "Die Energiekosten in Deutschland sind nicht konkurrenzfähig", sagt Hiesinger – und warnt davor, alte Industriezweige einfach aufgeben zu wollen.

Aus Zechengeländen sollen Biomasseparks werden

Die Furcht vor einer Deindustrialisierung schreckt auch die Arbeitnehmervertreter auf, die in dem von der Montanmitbestimmung geprägten Land traditionell stark sind. Wegen steigender Stromkosten haben sie Angst vor Arbeitsplatzverlust. "Wir müssen als Industrie die Chance bekommen, hier zu überleben", sagt der Betriebsratschef eines energieintensiven Großbetriebes – als sei er der Vorstandsvorsitzende des Konzerns. "Wenn wir von der Politik zusätzlich belastet werden, dann gehen wir hier unter."

Dabei gibt es nicht wenige Firmen in NRW, die sich zu den Gewinnern der Energiewende zählen. Heute schon verdienen viele Betriebe Geld damit – indem sie Getriebe für Windmühlen bauen, Kessel und Turbinen für Biomassekraftwerke, Solarbatterien, Wechselrichter und, und, und. Norbert Allnoch, Geschäftsführer des Internationalen Wirtschaftsforum Regenerative Energien in Münster, zählt 3.500 Betriebe in NRW zur "grünen" Industriefraktion. Mehr als 26.000 Menschen seien im regenerativen Anlagen- und Systembau beschäftigt, sagt er. Bei den Patentanmeldungen im Bereich erneuerbare Energien sei NRW vorn mit dabei, hinter Bayern und Baden-Württemberg.