Es ist so vorhersehbar, so peinlich – aber der Reporter muss sie, die da am Tischchen ihres Wahlkampfbusses sitzt, der mit den Sprüchen "Claudia on Tour", "Rassismus Nein" und "Zweitstimme Grün" beklebt ist, jetzt erst mal nach ihren Haaren fragen. Stöhnende, die Augen verdrehende, "Ich bitte Sie ..." sprechende Parteivorsitzende. Nein, es nützt nichts. Wer neben Claudia Roth sitzt und das Gelb, Orange, Rosa und Lila auf ihrem Kopf sieht, der muss sich nach diesen tollen Haaren erkundigen – oder er spricht, auf eine Art, die Unwahrheit.

Wo in Deutschland kann man sich die Haare so machen lassen? "In Memmingen, im Salon Ursula." Und sie fügt hinzu: "Zu meinen Primärtugenden gehört Treue. Ich bin seit dreißig Jahren in diesem Salon." Ach schön.

Wahlkampf in Schleswig-Holstein. Es ist dies die Woche, die für die Grünen mit einem guten Ergebnis (13,3 Prozent) und für die anderen Parteien mit einem Ergebnis ausgeht, aus dem sich keine eindeutige Regierungskoalition ergibt. Am kommenden Sonntag steht in Nordrhein-Westfalen die sogenannte kleine Bundestagswahl an. Die Fragen, die der politische Reporter der Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth stellen müsste, lauten: Ist die für sicher gehaltene rot-grüne Mehrheit schon verloren? Fällt Ihnen zum Betreuungsgeld noch ein kluger Satz ein? Wie stecken Sie das psychologisch weg, wenn die Piraten in NRW an den Grünen vorbeiziehen? Ist es Angst vor den Piraten oder mittlerweile schon panische Angst?

Es ist dies außerdem die Woche, in der eine für Anfang Mai verrückt heiße Sonne hinter den weißen Nordseewolken steht: Wanderwetter. Mit der Grünen-Vorsitzenden sind wir an diesem Mittag zum Spazierengehen verabredet. Treffpunkt ist das Hotel Wassersleben, an der Flensburger Förde gelegen: Da, wo die Segelboote anlegen, da, wo die Sonnenschirme zwischen den Kuchentellern stehen. Als Ausflugsziel hat das Wahlkampfteam ein Naturschutzgebiet ausgewählt, die Halbinsel Holnis mit Steilküste und Salzwiese. Auf die Hotelterrasse tritt die Wahlkämpferin in Begleitung zweier nicht mal 25 Jahre alter, sich kühl und professionell gebender Begleiter: junge Männer mit Bärten (die Politikerin Claudia Roth steht im Ruf, dass sie sich, nicht nur auf Wahlkampfreisen, gerne mit jungen, gut aussehenden Parteikollegen umgibt).

Spazierengehen mit Claudia Roth: Die Hoffnung lautet natürlich, dass man auf stillen Wegen, die abseits der Fußgängerzonen liegen, zu mehr als den gestanzten Sätzen aus den Talkshows kommt. Toll wären: offene, halb fertige, noch nicht zu hundert Prozent bewährte Sätze. Toll wäre – wie naiv ist dieser Wunsch? –, wenn es beim Spaziergang zum berühmten Verfertigen der Gedanken beim Gehen kommt. Nach den eineinhalb Stunden, die für den Spaziergang reserviert sind, ist die Vorsitzende mit dem grünen Kandidaten Robert Habeck zum Straßenwahlkampf verabredet, danach steht der Besuch des Emil-Nolde-Museums und ein Imbiss bei einer Schaschlikbude auf dem Programm.

Während draußen das flache Schleswig-Holstein vorbeizieht, hat Claudia Lust, vom grünen Kandidaten Habeck zu schwärmen: "Am Robert ist gut, dass er so ein Echter ist. Der ist nicht so gestylt und getrimmt." Ach ja? Sie fasst einen gerne an den Arm. Komisch, aber schon auf der kurzen Busfahrt muss der Reporter sich anstrengen, die Claudia nicht einfach mit Claudia oder gleich mit ihrem Kampfnamen Claudi anzusprechen. Die Vorsitzende sagt den herrlich sympathischen und totgenudelten Satz: "Ich freue mich darauf, bisschen meine Batterien aufzuladen." Moment, mit wem sitzen wir da im Bus?

Weint Claudia Roth wirklich so viel? Und ist das Strategie?

Claudia Roth, 57 Jahre alt, seit gut zehn Jahren grüne Parteichefin. Man kennt sie. Man nennt sie auch: die ewige Claudi. Sie ist die mit den großen, braunen Augen und dem rot gemalten Mund. Innerhalb der Partei war Claudia Roth stets für zwei einfach klingende, letztlich aber toughe Disziplinen zuständig: das Hochfahren von Gefühlen und die gute Laune. Wie ihre Parteikollegen Künast, Trittin und Özdemir ist Roth schon so lange da, dass man sich nur schwerlich vorstellen kann, wie von ihr noch etwas wirklich Unerhörtes kommen soll. Gemein, aber wahr: Die Vorstellung, dass Claudia Roth nach all den Jahren plötzlich etwas wirklich Gewichtiges, Aufrüttelndes, gar Visionäres sagt, strengt eher an – man würde den brillanten Gedanken bei ihr als unauthentisch empfinden (und auf Authentizität legt sie doch so viel Wert). Zuletzt aufgefallen ist Roth mit dem guten und gut halsbrecherischen Wahlkampfslogan "Wer nervt mehr als Claudia?", der sie für den Bundestagswahlkampf 2013 an die Seite von Jürgen Trittin platzierte: Richtig, sie nervt brutal. Aber komischerweise haben die Menschen sie trotzdem ziemlich gerne.