Seit Bob Marleys Tod vor mehr als 30 Jahren hatte ich mir mein eigenes Jamaika zusammenfantasiert. Meine Quellen waren Textzeilen in Reggae-Songs, Plattencover, Auftritte jamaikanischer Musiker in Deutschland. Ich hörte ihr Patois, diese wunderbar musikalische Sprache, spürte die mächtigen Bassläufe, die einem manchmal das T-Shirt flattern lassen, und fühlte mich in diesen Klängen von Jahr zu Jahr mehr zu Hause. Jamaika war für mich eine ferne Heimat geworden.

In keiner meiner Fantasien war Jamaika eine Idylle. Textzeilen in Reggae-Songs sind meistens erfreulich konkret, und seit Anfang der sechziger Jahre erzählen sie von Gangstern, Knarren, Mördern, von Armut und Leid. Wenn sie nicht gerade von Liebe, Sex, Drogen, sonstigen Dingen des Alltags oder dem großen Gott Jah Rastafari handeln . Ich hatte einigen Respekt vor Kingstons Ruf als »Mordhauptstadt der Welt« und wusste, dass ich in den Gegenden, aus denen meine Musik kam, nicht so einfach herumflanieren konnte. Die abgeschotteten Touristenidyllen am Strand interessierten mich nicht, und so verging mein halbes Leben mit jamaikanischem Soundtrack ohne Jamaika. Bis vor ein paar Wochen diese E-Mail bei mir eintraf: ob ich vielleicht Interesse hätte, zur Jamaika-Premiere des Dokumentarfilms Marley nach Kingston zu kommen? Gänsehaut, Herzrasen, Flug gebucht.

Der Film, der mit großartigen Archivszenen und vielen Interviews zweieinhalb Stunden lang Bob Marleys Leben erzählt, wurde vom britischen Regisseur Kevin Macdonald vollendet (nachdem Martin Scorsese und Jonathan Demme aus dem Großprojekt ausgestiegen waren). Er hat eine riesige Zielgruppe: Bob Marley ist eine globale Ikone, einer der bekanntesten Menschen überhaupt. Zu den neunstelligen Verkaufszahlen seiner Alben kommen bis heute rund 250000 CDs pro Jahr dazu. Marleys Songs liefen auf den Demonstrationen des Arabischen Frühlings und der Occupy-Bewegung, das Lied Get Up, Stand Up ist die inoffizielle Hymne von Amnesty International. Marley, der Film, könnte ihn für eine neue Generation lebendig werden lassen – und ihn davor bewahren, eines Tages als Che Guevara der Weltmusik zum T-Shirt-Motiv zu erstarren. Die Filmpremiere in seinem Heimatland ist die vielleicht härteste Prüfung für Bob Marleys Relevanz im Jahr 2012: Was bedeutet er seinen Landsleuten heute noch? Und welche Rolle spielt er in der jamaikanischen Musikszene?

Die Marley-Familie – ein weitverzweigter Patchwork-Clan, angeführt von Bobs Witwe Rita – hatte beschlossen, die Veranstaltung auch für die vielen Jamaikaner zu öffnen, die nie im Leben Geld übrig haben werden für einen Kinobesuch. Und so wurde der Filmstart am 19. April als Volksfest in Kingstons Emancipation Park inszeniert, Eintritt frei.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild. © Julian Baumann

Am Tag der Premiere beginnt sich der Park schon Stunden vorher zu füllen. Am Eingang trommelt eine festlich gekleidete Delegation der Rastafari-Religion, deren berühmtester Anhänger bis heute Bob Marley ist. Die Männer tragen würdevoll ergraute Dreadlocks, und die Trommeln, auf die sie heftig einschlagen, sehen sehr afrikanisch aus und klingen auch so. Sie singen Hymnen auf ihren Gott und Erlöser, den äthiopischen Kaiser Haile Selassie , genannt Jah Rastafari. Einige schwenken Fahnen und wiegen sich zu Rhythmen, die schleppend und treibend zugleich sind. Hier ist die spirituelle Essenz zu hören, die afrikanische Wurzel, aus der Marleys Musik hervorgegangen ist.

Dann kollidieren, nur ein paar Meter entfernt, zwei Welten, kurz vor dem Eintreffen der geladenen Gäste. Für sie wurden statt eines roten Teppichs die Farben der Rastas ausgerollt, Rot-Gold-Grün. Es sollte eine Hommage sein, doch ein rechtschaffener Rastamann ist entsetzt: Das ist kein Teppich, das sind Stoffbahnen, das ist die Flagge selbst! Er fleht die Gäste an, bitte nicht auf das Heiligtum zu treten. Polizisten schieben ihn zur Seite, schon rücken andere Rastas nach. Der Teppich bleibt menschenleer, Eskalation liegt in der Luft, ein mögliches Desaster: Rastas von Polizei niedergeknüppelt, im Namen Marleys. Nebenan wird jetzt noch heftiger getrommelt. Im Park haben sich inzwischen viele Familien zum Picknick niedergelassen, der dezenten Kleidung nach gehören sie zu Kingstons Mittelschicht.

Als bereits ein Vorfilm läuft, kämpft sich ein Polizist mit einem Absperrgitter durch die Menge und stellt es vor dem Teppich auf. Die Rastas haben gesiegt, ein junger Mann in äthiopischer Uniform hält Wache am Gitter. Von irgendwoher wird zusätzlich zu einer weißen Stoffbahn noch eine lilafarbene gebracht, eilig werden sie auf den Boden getackert. Schließlich erteilen die Rastas ihren Segen, die geladenen Gäste dürfen über den nunmehr sinnlos bunten Teppich gehen. Der Abend ist vorerst gerettet.

Und schon wird es richtig heilig: Aus den Lautsprechern dröhnt eine Bibelpassage, vorgelesen von einem jungen Rasta, dann erheben sich alle zu einem Gebet, das teilweise auf Amharisch vorgetragen wird, der äthiopischen Sprache. Wann immer jemand »Jah Rastafari« sagt, werden im Publikum rot-gold-grüne Fahnen geschwenkt. Ins Fettnäpfchen tritt dann ausgerechnet der Regisseur. Kevin Macdonald äußert seine Freude über diese Premiere mit dem gut gemeinten Satz: »Bob Marley ist nicht mein Mann – er ist euer Mann!« Großes Raunen. Sofort wird Macdonald belehrt vom Rastamann: »Nein, Kevin, Bob überschreitet alle Grenzen, er gehört der ganzen Menschheit, schwarz, weiß, braun, gelb.« Beifall vom fast durchweg schwarzen Publikum, wie auch später im Verlauf des Films, wenn Marley in einem Interview klarstellt, er sei weder weiß noch schwarz, sondern Rasta. Den größten Jubel des Abends lösen die Worte der Rede aus, die Haile Selassie 1963 vor den Vereinten Nationen gehalten hat und die Marley in seinem Song War zitiert: Es werde Krieg herrschen, »bis die Vorstellung, dass eine Rasse einer anderen überlegen sei, endgültig diskreditiert und überwunden ist« – Beifall, Begeisterung, Hände werden in die Luft gestreckt, als ob im WM-Endspiel gerade das entscheidende Tor gefallen wäre.