Erst lange nach den Wörtern kamen die Sätze. "Löwe!", wird der Wächter vor der Höhle gerufen haben, Jahrtausende bevor zum ersten Mal ein Satz erklang: "Da schleicht ein Löwe auf uns zu!" Und wiederum Jahrtausende, bis der Nebensatz erfunden war: "Ein Löwe, der..."

Von den Chancen (und Tücken!) der Nebensätze später (Lektion 14). Hier werden die Hauptsätze gewürdigt: als Grundpfeiler aller Kommunikation; als die urtümlichste und bis heute kraftvollste Form, etwas zu sagen; als alleiniges Satzmodell bei Sprichwörtern, Hilferufen und Befehlen; als beherrschendes in der Lyrik, in der Werbung und in der mündlichen Rede.

Für Schreiber, die gelesen werden wollen, die vielleicht sogar eine Botschaft haben, sind Hauptsätze folglich immer erste Wahl. Was sie leisten können, dafür ein paar klassische Beispiele – krass gemischt.

Lapidar:

"Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln." (Psalm 23,1)

"Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten." (Rousseau, DER GESELLSCHAFTSVERTRAG, 1762)

"Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen." (Rosa Luxemburg über die Gewinne der deutschen Rüstungsindustrie, 1915)

"Zuerst ignorieren sie dich. Dann lachen sie dich aus. Dann bekämpfen sie dich. Dann hast du gewonnen." (Mahatma Gandhi über den passiven Widerstand, 1925)

"Sometime they’ll give a war, and nobody will come." (Carl Sandburg, 1936)

"Wir danken allen. Wir vergessen keinen. Wir vergessen nichts." (Abschiedsgruß der SPD an ihre Ostberliner Genossen nach dem Bau der Mauer, 1961)

"I have seen the future, and it won’t work." (Paul Krugman, Nobelpreisträger für Wirtschaft, über seine Studienreise durch China, New York Times, 2009)

Ironisch:

"Zu seinen Sachen kam er wie die Weiber zu schönen Kindern; sie denken nicht daran und wissen nicht, wie." (Goethe über Byron, zu Eckermann, 1825)

"Zudem hatte die Hebamme mich schon abgenabelt; es war nichts mehr zu machen." (Klage des Oskar Matzerath in der BLECHTROMMEL von Günter Grass, 1959)

"Bastian galt als von Moskau bezahlt, von der DDR gelenkt und von allen guten Geistern verlassen." (DER SPIEGEL über den Selbstmord des ehemaligen Bundeswehrgenerals, 1992)

Temporeich:

"Er stand früh um 4 auf, kleidete sich selbst an, ritt dreimal täglich, trank keinen Wein, saß nur eine Viertelstunde an der Tafel, exerzierte jeden Tag seine Truppen und kannte nur ein Vergnügen: Europa zittern zu machen." (Voltaire über Karl XII. von Schweden, 1731)

"Praise the Lord and pass the ammunition." "Lobet den Herrn und her mit der Munition!" (Der amerikanische Militärgeistliche Howell Forgy beim japanischen Überfall auf Pearl Harbor, 1941)

In schöner Ruhe:

"So lag er nun da allein, und alles war ruhig und still und kalt, und der Mond schien die ganze Nacht und stand über den Bergen." (Georg Büchner, Lenz, um 1835)

"Er stand auf, schlug einen messingnen Kamm in sein Haar, knöpfte seinen Rock von oben bis unten zu, sah, ob sein Vetter noch schlief – und dann ließ er ihn ruhig schlafen und wanderte an seinem Stabe in der kühlen Morgenluft dem geliebten Hügel zu, und der alte einäugige Pudel begleitete ihn." (Karl Philipp Moritz in seinem Roman ANDREAS HARTKNOPF, 1786)

In äußerster Rechthaberei:

"In diesem Ton schreckt man auch ab. Und das wollte ich. Abschrecken wollte ich." (Lessing an Pastor Goeze, 1778)

All dies können Hauptsätze leisten.

Natürlich: Nicht jeder Satz ist gut, bloß weil er ein Hauptsatz ist.

Auf ein paar hässliche Formen kommt gleich die Sprache (Lektion 12); ehe wir uns den Nebensätzen (Lektion 14) widmen, den elastischen und musikalischen ebenso wie den ärgerlichen und deplatzierten.