Es gibt kraftvolle Nebensätze, angemessene, willkommene – und ärgerliche auch. Die letzte Spielart ist die häufigste.

Kraftvoll sind die, die in der Grammatik zwar Nebensätze heißen, nach Logik und Gewicht aber die andere Hälfte eines Hauptsatzes bilden: "Wer nicht hören will, muss fühlen ", oder: "Er schrie so laut, dass die Nachbarn ..." Konsekutivsätze heißen diese Sätze, die die Wirkung der anderen Satzhälfte beschreiben.

Kraftvoll sind auch die sogenannten Modalsätze : Nebensätze, die die Mittel, die Umstände jener Handlung benennen, die sich im Hauptsatz vollzieht: "Sie ging an mir vorbei, als wäre ich Luft ." Sigmund Freud schrieb 1915 in einem Brief an Albert Einstein: Die schmerzliche Enttäuschung "über das unkulturelle Benehmen unserer Weltmitbürger" habe auf einer Illusion beruht: "In Wahrheit sind sie nicht so tief gesunken, wie wir fürchten , weil sie gar nicht so hoch gestiegen waren, wie wir’s von ihnen glaubten ."

Der typische angemessene Nebensatz ist der achte Satz des Alten Testaments. Nach den Schöpfungsakten des ersten Tages, in sieben Hauptsätzen vollzogen, erschuf Gott den Nebensatz: Er sah, "dass das Licht gut war" . Keine Handlung mehr, keine Hauptsache, sondern eine Pause, eine Erläuterung: Das ist die klassische Funktion eines angemessenen Nebensatzes. Bei Matthias Claudius: "Der Mann ohne die Frau ist ein alter Junggeselle, der am Fenster sitzt und die Kinder winseln hört, die er hätte haben können."

Willkommen sind Nebensätze, wenn sie den Satz von zwei Missbräuchen befreien: den Nominalkonstruktionen (Lektion 12) und den gehäuft vorangestellten Attributen (Lektion 13) .

Die ärgerlichen Nebensätze sind von fünferlei Art:

1. Sie enthalten, anders als im 1. Buch Mose, eine Handlung – oder gar die Hauptsache ("Ich entdeckte, dass das Nachbarhaus in Flammen stand") – oder eine gleichberechtigte zweite Hauptsache: "Zehn Jahre lang führten die Firma zwei Brüder, die heute zerstritten sind" – statt: "und heute sind sie zerstritten".

2. Sie sind länger als der Hauptsatz. "Sie glauben gar nicht, welch ein elender Abklatsch schlechter Romane das Leben ist" (Joseph Roth) – das geht noch, das Verhältnis ist 4:9, und schön gesagt ist es sowieso. Aber Zeitungen und erst recht Protokolle schmücken sich gern mit der Relation 2:50. "Meyer betonte,..." damit ist der Hauptsatz beendet, und alles Wichtige – nämlich das, was Meyer betonte – wird in einen Bandwurm von Nebensatz geschoben.

3. An den Hauptsatz ist eine Nebensache angekleistert, die keinen Bezug zur Hauptsache hat – ein Klassiker in Geburtstagswürdigungen, wenn der Autor ein Detail noch unterbringen möchte: "In der Rolle des Hamlet brillierte wie immer Max Meyer, der fließend Chinesisch spricht."

4. Der Nebensatz wird in den Hauptsatz hineingezwängt: Der Schreiber unterbricht den eigenen Textfluss durch die Abfolge A1 – B – A2. In freier Rede ist das fast unbekannt, und schriftlich hat man damit, nach Schopenhauer, "eine Phrase in die andere geleimt" . Das kann man meistern wie Siegfried Kracauer: "An das Nichtmalenkönnen werden, seit es eine eigene Kunstform geworden ist, immer höhere Anforderungen gestellt." Meist sollte man es bleiben lassen.

5. Ein spärlicher Hauptsatz wird in einem Sumpf von Nebensätzen ersäuft – ein beliebtes Modell in Wirtschaft, Wissenschaft und Feuilleton.

Beispiel von 2012 aus einer renommierten deutschen Zeitung: Der Satz beginnt mit einem vorangestellten Nebensatz von 9 Wörtern, in den ein Unternebensatz von 11 Wörtern eingeschoben ist, in den ein Unterunternebensatz von 8 Wörtern eingeschoben ist:

"Dass ein Mann, dem man einen frühen Tod geweissagt hatte und dem es gelang , dies mit menschlicher, technischer Hilfe Lügen zu strafen , die Niederlagenstimmung der Physik überwinden half," – nun folgt der Hauptsatz, 6 Wörter lang, im Gewirr der Wörter nicht ganz leicht zu finden – "ist so erfreulich wie die Tatsache," – über so viel Hauptsatz offenbar erschrocken, hängt der Schreiber sogleich einen Nebensatz von 15 Wörtern an, durch einen eingeschobenen Unternebensatz von 10 Wörtern verschönert – "dass derselbe Mann Leuten, deren Handicap beim Verstehen des Kosmos größer ist als seines , mit Büchern wie EINE KURZE GESCHICHTE DER ZEIT zu Hilfe kam."

Relation Hauptsatz:Nebensatz – 6:53.

Simultandolmetscher: Aus dem Deutschen zu übersetzen ist wahrlich eine Katastrophe. Autor: vermutlich stolz, dass er auf dem Hochseil der Grammatik Pirouetten drehen kann.

Leser: weg.