"Hinter dieser kalten Frackbrust schlägt ein Herz aus Stein." Zynisch hat das über sich selbst Rudolf Bing gesagt, Intendant der New Yorker Metropolitan Opera von 1950 bis 1972 – und eines mit Sicherheit bewirkt: Dergleichen überhört und überliest man nicht.

Bilder sind gut und verblüffende Bilder noch besser. Wo die Anschaulichkeit der Wörter (Lektion 3) sich zur Bildhaftigkeit der Aussage steigert, da ist gegen den stets fluchtbereiten Leser die Angel ausgeworfen.

So vom STERN, als er kürzlich Anshu Jain porträtierte, den neuen Chef der Deutschen Bank: "Er beantwortet Mails so schnell, wie eine Kobra zubeißt." Oder einst von dem Wiener Feuilletonisten Anton Kuh, der einem ungarischen Gentleman das Kurzporträt widmete: "Er sah aus wie eine Kreuzung aus dem Polizeipräsidenten von Budapest mit einem, den er sucht." Mit dramatischer Wucht in der Charakteristik Lenins durch Vladimir Nabokov: "Er war eine Milchkanne voll menschlicher Freundlichkeit mit einer toten Ratte am Boden."

Nach solchen Bildern, Gott sei Dank, ruft die Wirklichkeit nicht oft; und nicht jede bildhafte Sprache ist gut, bloß weil sie das Simple in ein Gleichnis oder eine Metapher übersetzt. Es gibt abgedroschene Vergleiche wie den von der "Spitze des Eisbergs"; aus dem Überdruss an ihm ist die spöttische Abwandlung entstanden: "Auch Eisberge kochen nur mit Wasser." Ähnlich bei der längst überreizten Metapher "Stellenwert": Die früher genutzten Wörter Rang, Rolle, Bedeutung wirken inzwischen vergleichsweise frisch.

Sogar von hässlichen Bildern sind wir umstellt wie in der Redensart "Alles in Butter": Sie lebt geradezu davon, dass man sich diese Scheußlichkeit nicht ausmalt. Journalisten erfinden in jedem Winter die "Kältewelle", die Todesopfer "fordert"; dass da Menschen erfroren sind, wäre nicht nur die schlichtere, sondern auch die prallere Ausdrucksweise.

Eine Journalistenweisheit ist plastisch geblieben: "Ein Dementi ist der Versuch, die Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken." Auch werden neue Bilder gemalt wie im Sponti-Spruch über die Zeitmode "Selbstfindung": Das heiße offenbar "nach sich selber suchen wie nach einem besonders gut versteckten Osterei". Der Büchner-Preisträger Durs Grünbein antwortete auf die Frage "Was ist eigentlich Kultur?": "Ich habe einen Verdacht, der mit dem Unterschied zwischen Mozart und Mozartkugeln zusammenhängt."

In Sprichwörtern sind die Bilder ohnehin zu Hause wie in dem aus Russland: "In des anderen Weib tut der Teufel einen Löffel Honig." Intellektuelle lieben sie, wie Karl Kraus: "Nachts am Schreibtisch", schrieb er, "würde ich die Anwesenheit einer Frau störender finden als die Anwesenheit eines Germanisten im Schlafzimmer." Ungebremst böse Walter Benjamin: "Echte Polemik nimmt ein Buch sich so vor, wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet."

Die Beispiele haben eine Schwäche: Für das, was unsereiner so schreibt, eignen sie sich kaum. Aber als Leuchtfeuer sollten wir sie benutzen. Denn immer geht es darum, sagt der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer, Nobelpreisträger 2011, "einen eiskalten Leser zu wärmen. Er ist ja nicht bereit. Alle Wärme muss sich im Text finden."

Und nicht aus warmen Worten – aus Bildern steigt die Wärme auf. Wie in dieser klassischen Passage aus der BLECHTROMMEL:

"Wir kamen in den viertletzten Wagen. Herr Fajngold stand mit dünnem rötlich wehendem Haar unter uns auf den Gleisen, trat, als die Lokomotive durch einen Stoß ihre Ankunft verriet, näher heran, reichte Maria drei Päckchen Margarine und zwei Päckchen Kunsthonig, fügte, als polnische Kommandos, Geschrei und Weinen die Abfahrt ankündigten, dem Reiseproviant noch ein Paket mit Desinfektionsmitteln hinzu – Lysol ist wichtiger als das Leben –, und wir fuhren, ließen den Herrn Fajngold zurück, der auch richtig und ordnungsgemäß, wie es sich bei der Abfahrt von Zügen gehört, mit rötlich wehendem Haar immer kleiner wurde, nur noch aus Winken bestand, bis es ihn nicht mehr gab."

Zum Schluss die Frage: Wie könnte man am farbigsten den Weltuntergang beschreiben? Am 21. Dezember dieses Jahres soll die Welt ja mal wieder untergehen, die Maya haben das angeblich prophezeit in ihrer rätselhaften Schrift, und tatsächlich: Etliche Menschen rüsten sich dafür. Neben vielen anderen Irrtümern erliegen sie vermutlich auch diesem: Sie meinen, es müsse sich dabei um eine gigantische Inszenierung handeln, eine Art Hundert-Milliarden-Dollar-Produktion aus Hollywood.

Eher aber könnte der Apostel Paulus recht gehabt haben, als er an die Thessalonicher schrieb: "Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht." Ein "wie", dann fünf einsilbige Wörter – das gibt ein Bild: So macht man das. Auf der Welt und bei ihrem Untergang.