Ein Wort ist umso verständlicher, je weniger Silben es hat, sagt die Verständlichkeitsforschung. Das klingt erschreckend simpel. Doch die Stilistik hakt nach: und kraftvoller auch! "Je länger aber ein Wort, desto unanschaulicher" , schrieb Jean Paul in seiner VORSCHULE DER ÄSTHETIK. "Die alten Wörter sind die besten, und die kurzen alten Wörter sind die allerbesten" , sagte Winston Churchill, Nobelpreisträger für Literatur.

"Benutze nie ein langes Wort, wenn ein kurzes es auch tut" , heißt es im Stilkodex des Londoner ECONOMIST. Goethes Ballade DER FISCHER besteht zu 76 Prozent aus einsilbigen Wörtern – genau wie die berühmte GETTYSBURG Address des US-Präsidenten Lincoln (amerikanische Stillehrer haben es bewundernd nachgezählt).

Vielleicht ist ja was dran? Vielleicht sollten wir die Thrombozytenaggressionshemmer nur seufzend in Kauf nehmen – den von unseren gehobenen Feuilletons gehätschelten Paradigmenwechsel aber schon mal darauf abklopfen, ob er nicht zur Abwechslung als Umdenken, Kehrtwende, Schwenk bezeichnet werden könnte? Was unterscheidet die Witterungsbedingungen vom Wetter und das Gefährdungspotenzial von der Gefahr? (Die doch keine wäre, wenn sie nicht das Potenzial hätte, eine zu sein.) Und muss sich der schlappe Service der Deutschen Post hinter dem Elfsilber Telekommunikationsdienstleistungen verstecken?

Bedenken wir: Kopf und Herz, Hand und Fuß, Weib und Kind, Tisch und Bett, Wald und Feld; das meiste, woraus wir sind und womit wir leben, ist zu einsilbigen Wörtern geronnen – und erst recht sind es fast alle starken Gefühle: Angst, Leid, Pein, Qual, Wut, Hass, Neid, Gier. Was folgt daraus?

Wer immer vorhat, mit Wörtern wie Effizienzsteigerungsprogramm oder Energieverbrauchsflexibilität zu operieren, der bedenke: Laien verstehen nichts, Sprachfreunde stößt er ab – und vielleicht wären sogar Fachleute angenehm berührt, wenn sie inmitten ihrer Silbengebirge statt gefährlich starker Rauchentwicklung einfach mal "Qualm" lesen könnten.

Wer gelesen werden und wirken will, der halte sich an Schopenhauers Kernsatz: "Man denke wie die wenigsten und rede wie die meisten. Man brauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge." So, wie Churchill den Engländern 1940 nichts als "blood, toil, tears and sweat" versprach, Blut, Mühsal, Tränen, Schweiß – und ihnen damit Kraft gab zum Widerstand.