"Die Wörter müssen Hände und Füße haben." Sprach Martin Luther, und Jesaja 14,23 übersetzte er so: "Und ich will Babel machen zum Erbe für die Igel und zum Wassersumpf und will es mit einem Besen des Verderbens kehren." Das hat Kraft – mehr, als hätte der Herr mit angemessenen Verwüstungen gedroht.

Eine Vorstellung müssen sie uns vermitteln, die Wörter, wenn sie uns fesseln sollen. "Je abstrakter die Wahrheit ist, die man lehren will" , sagt Nietzsche, "umso mehr muss man erst die Sinne zu ihr verführen."

Bei der Gleichheit, bei der Gerechtigkeit geht das nicht, gewiss. Doch wo es durchaus ginge, neigen viele dennoch zu abstrakter Ausdrucksweise: Sie tummeln sich zwischen Bereichen, Belangen und Strukturen, ja manche lieben ebendiese. Da mailen uns Freunde von viel Ärger in der Ferienwohnung oder, anspruchsvoller, von allerlei Misshelligkeiten; hätten sie geschrieben: "Als Erstes brach ein Wasserrohr" – wir hätten uns sogleich mit ihnen solidarisiert.

Konkret schreiben, das Detail benennen, mit Sinneseindrücken versehen, Farben zum Leuchten bringen: Das ist für alle, die Leser interessieren möchten, das oberste Stilgebot. "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" , schrien Georg Büchner und F. L. Weidig 1834 in die Welt hinaus – und eben nicht: Verschont die Wohnstätten der Unterprivilegierten.

Gewiss, auch für konkrete Dinge brauchen wir abstrakte Dachbegriffe, Möbel zum Beispiel. Moralische Gebote wie Ehrlichkeit sind konkret gar nicht zu erfassen, und die ganze Philosophie müsste zumachen, wenn sie nicht in Abstraktionen schwelgen dürfte. Damit können wir leben. Nur sollten wir immer parat haben, dass Wolkenbruch besser ist als widrige Witterungsumstände und eine triefende Nase anschaulicher als jeder grippale Infekt.

Martin Walser lässt einen Literaturkritiker sagen: "Wenn er ein paar Tage hintereinander deutsche Gegenwartsliteratur lesen müsse, beneide er die Leute von der Müllabfuhr." Ed Koch, zwischen 1978 und 1989 Bürgermeister von New York, wurde seinem Ruf, grimmig und rabiat zu sein, mit dem Spruch gerecht: "Ich bin nicht der Typ, der Magengeschwüre bekommt. Ich verursache sie." Sympathisch war das nicht. Aber etwas zum Weitererzählen.