Die sogenannte Leideform des Verbums ist oft vernünftig, oft unvermeidlich und ziemlich oft ein Ärgernis; nur mit "Leiden" hat sie nicht viel zu tun. Wer geliebt wird, wer gelobt wird, leidet selten; und schon gar nicht, wer im Kochbuch liest: "Der Teig wird so lange gerührt, bis..."

Dies ist das vernünftige Passiv – die Verbform für Gebrauchsanweisungen also, auch für Gesetzestexte ("Mit Freiheitsentzug nicht unter fünf Jahren wird bestraft, wer..."), ebenso für Personen oder Institutionen, die uns nicht zu interessieren brauchen ("Das Museum wird um 10 Uhr geöffnet").

Das unvermeidliche Passiv ist Alltag im Polizeibericht: Ein Mensch ist überfallen worden, aber von wem, weiß noch keiner.

Das ärgerliche Passiv ist von dreierlei Art.

Erstes Ärgernis: Es dient dem Befehl, von "Jetzt wird aufgeräumt!" bis "Sie werden hiermit aufgefordert,...". Und es dient sogar der Einschüchterung. Verschickt eine deutsche Bank doch wirklich Briefe, die mit dem Satz beginnen: "Die Geschäftsbedingungen sind geändert worden" – juristisch die pure Unverschämtheit, da der Kunde nur um seine Zustimmung zu einer Änderung gebeten werden kann.

Zweites Ärgernis: Viele Berufsschreiber betrachten das Passiv ohne Not als gleichberechtigte Form des Verbums, obwohl es doch dessen entmenschlichte Variante ist: unanschaulich, Kindern erst spät begreiflich zu machen, in der Lyrik so gut wie unbekannt; hässlich obendrein: "Seitens des Vorstands wird die Herausforderung darin gesehen..."

Für das dritte Ärgernis lieferte die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ein Beispiel in der Talksendung von Günther Jauch: "Das Ethische ist in unserer Gesellschaft weitgehend verdrängt worden" , sprach sie, ohne weitere Erklärung – ein Satz, der gleich zwei Rätsel aufgibt: "Das Ethische" , was ist das genau? Und wer eigentlich soll es verdrängt haben? Wer die Verdränger entweder nicht kennt oder sie nicht identifizieren möchte, der könnte ja schweigen. Aber was sollte dann aus unseren Talkrunden werden.