Dass die Sprache "die große Gesellerin der Menschen" sei, wie Johann Gottfried Herder 1785 schrieb, war – denkt man an Beschimpfung, Verfluchung und Befehl – schon damals übertrieben; im Zeitalter unseres Technokraten- und Wissenschaftsjargons ist die Sprache weithin in die Rolle der Spalterin geschlüpft.

Natürlich: Physiker, Mathematiker, Informatiker haben es schwer, ihre Einsichten so zu formulieren, dass interessierte Laien ihnen folgen können. Doch ein etwas größeres Bemühen darum dürfen wir uns wünschen. Hat nicht selbst Immanuel Kant sich schlicht und farbig ausgedrückt, als er den Umsturz des überlieferten Weltbilds durch Kopernikus darlegte? "Kopernikus, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fortwollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen könnte, wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließe."

Viel bewirken jedoch könnte guter Wille in den Geisteswissenschaften. Gerade in ihnen aber fehlt er oft. Wollen Philosophen, Soziologen, Psychologen überhaupt verstanden werden? Oder vertrauen sie darauf, dass viele Leute – und Deutsche mehr als Engländer und Franzosen – gern alles für erhaben halten, was sie nicht verstehen? Oder treibt sie gar die Sorge um, von ihrer Wissenschaft bliebe nicht genügend übrig, wenn sie sich verständlich machte?

Was dachte sich jene Professorin von der Universität Konstanz, als sie in einem Vortrag sagte: "Die emphatische Standortbezogenheit, die Affirmation von Differenz und der dekonstruktivistische Blick, der explizite Traditionen und implizite Selbstverständlichkeiten als von Interessen gesteuert durchleuchtet, enthalten ein sozialrevolutionäres Potenzial, das auch für identitätspolitische Zwecke nutzbar gemacht werden kann." Da sind wir baff. Ebenso wenn Linguisten von "Linearisierungsoptionen an der Satzperipherie" sprechen oder Pädagogen von den "Neudiskursivierungen des Raumparadigmas", und aus der Pubertät haben sie die "adoleszente Identitätsfindung" gemacht. Grandios!

Nur sollten wir ihnen kein Wort glauben, wenn sie behaupten, das überwältigend Neue lasse sich nicht einfach sagen. Sigmund Freud zum Beispiel hat ebendies geschafft: umstürzende Einsichten in durchweg elegantem Deutsch. Vielleicht waren sie ja falsch.

Aber was wir gar nicht erst verstehen, muss deshalb auch nicht richtig sein.