Als China vor einigen Jahren die Lieferung bestimmter Seltener Erden einschränkte, musste in manchen Werken in Deutschland zeitweise die Produktion gedrosselt werden. Seltene Erden braucht man für Hightech-Produkte, sie stecken in Akkus, Turbinen und Motoren; bestimmte Zukunftstechnologien wie Windkraftanlagen lassen sich ohne Seltene Erden überhaupt nicht erbauen.

Wenn das so weiter geht, so die Angst, könnte der Exportnation Deutschland das Baumaterial ausgehen. Deswegen müsse Deutschland etwas tun, sagen die Herren beim BDI. "China kontrolliert und reglementiert den Export von Seltenen Erden", warnt Grillo, "wir müssen sie uns endlich strategisch sichern."

Eines wird an diesem Morgen aber vernachlässigt: Diese Rohstoffe gibt es längst bei uns. Sie liegen vor unserer Haustür, lagern in unseren Schubladen, sind verschüttet in unseren Abfällen. "Täglich gibt es einen Schatz in unseren Mülltonnen ", sagt Eric Schweitzer, Chef der ALBA Group, eines der weltweit größten Recyclingunternehmen. "Aber niemand hebt ihn."

Urban Mining heißt die Idee, den Schatz aus dem Abfall zu heben . In einer Tonne hochwertiger Elektronikplatinen zum Beispiel, wie sie sich in Computern, Handys oder LCD-Bildschirmen finden, stecken unter anderem 200 Gramm Gold, 300 Gramm Silber und 150 Kilo Kupfer. Nach Angaben des Bundesverbandes Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) können diese drei Stoffe in modernen Recyclinganlagen zu über 90 Prozent zurückgewonnen werden. Das ist viel wirtschaftlicher, als in einer herkömmlichen Mine zu schürfen. Beispiel Kupfer: Um eine Tonne davon aus der Erde zu holen, müssten tausend Tonnen Gestein bewegt, aber nur etwa sieben Tonnen Platinen recycelt werden.

Deutschland ist sogar besonders gut beim Hightech- Recycling . Ein Viertel aller Recycling-Anlagen weltweit stammen von hier, und zunehmend werden auch Techniken entwickelt, mit denen man noch andere Stoffe zurückgewinnen kann: Seltene Erden, Palladium, Blei, Coltan. "Noch schielt alle Welt auf uns", sagt ALBA-Group-Chef Schweitzer, "aber wenn wir keine Unterstützung im eigenen Land bekommen, vor allem politische, werden wir unseren Vorsprung bald verlieren."

Denn die Technologie ist nur das eine. Oliver Scholz, Chef eines der weltweit größten Metall- und Stahlrecyclingunternehmen, hat gerade in der Nähe von Nürnberg eine Hightech-Sortieranlage für Elektroschrott gebaut. "Sie könnte viel besser ausgelastet sein", sagt er. Das ist das eigentliche Problem: Ausgerechnet in Deutschland, dem Land der vorbildlichen Mülltrenner, kommt ein Großteil des wertvollen Elektroschrotts niemals bei den entsprechenden Recycling-Anlagen an.

Nach Angaben des bvse wurden in Deutschland im Jahr 2008 rund 1,8 Millionen Tonnen Elektro- und Elektronikgeräte zugelassen. Aber nur 38 Prozent der Elektroaltgeräte wurden im selben Jahr auch hier recycelt. Der Rest verschwindet im Restmüll – oder in der Schattenwirtschaft, vorbei an Polizisten wie Jan Haß. "Wenn der gesamte Elektroschrott in Deutschland recycelt würde, könnten wir den Rohstoffbedarf der Industrie etwa zur Hälfte decken", sagt die Scholz-Mitarbeiterin und promovierte Chemikerin Beate Kummer.

Momentan versorgt sich die Industrie nur zu 14 Prozent mit recycelten Rohstoffen. Würden alle werthaltigen Rohstoffe recycelt, könnte Deutschland 90 Milliarden Euro pro Jahr an Rohstoffimporten einsparen, schätzt der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e. V. (BDE).

Auf die Sammlung kommt es an: Dann entsteht sogar Neues aus Müll

Tom Szaky steht am Rand der Düsseldorfer Bahnhofsstraße und wühlt im Mülleimer. "Ist doch wunderbar", ruft er, "daraus kann man so viel machen!" Entzückt fördert er Zigarettenkippen und Plastikbecher zutage. Im Müll wühlen, das ist Szakys Geschäft. Im Jahr 2001 hat er in den USA die Firma Terracycle gegründet. Terracycle sammelt im Auftrag von Unternehmen Müll, lässt ihn sortieren und schafft daraus neue Produkte . Mittlerweile setzt das Unternehmen jährlich 20 Millionen Dollar um und unterhält Sammelprogramme in über 20 Ländern.

Seit er vom Wirtschaftsmagazin Inc. 2006 zum "CEO Nummer eins unter 30" noch vor Facebook-Gründer Mark Zuckerberg gewählt wurde, wird Tom Szaky in seiner Heimat der grüne Zuckerberg genannt. Tom Szaky möchte keine Hilfe von der Politik, keine Gesetze, keine finanzielle Unterstützung. Er will einfach Müll sammeln. Und dann probiert er aus, was man damit machen kann. Im Moment beschäftigt er sich hauptsächlich mit Windeln. "Wie bringt man Eltern dazu, sie zu sammeln? Wie transportiert man sie so, dass die Kacke nicht auf den Postboten läuft?" Solche Fragen treiben ihn um.

In der Industrie funktionieren diese Geschäftsmodelle längst. Ihre eigenen Abfälle sammeln Unternehmer und überführen sie in einen Wertstoffkreislauf, aus dem sie einen Großteil der Stoffe wieder zurückgewinnen.

Aber sobald die Rohstoffe einmal in Verbraucherhand sind, landen sie im Restmüll oder in der Schattenwirtschaft. Mindestens 40 Prozent der Elektroaltgeräte verschwinden im informellen Markt, schätzt Knut Sander, der diesen mit seinem Institut Ökopol im Auftrag des Umweltbundesamtes untersucht hat.

Das soll nicht so bleiben. "Cradle to Cradle" heißen Projekte, bei denen neue Produkte gleich so konzipiert werden, dass sie am Ende wieder zum Erzeuger zurückwandern, zerlegt werden und ihre Einzelteile wieder neu zum Einsatz kommen. Das aber ist nicht so einfach. Es erfordert neue Produktionstechniken, neue Geschäftsmodelle, vielleicht sogar ein völlig neues Denken über das Wirtschaften an sich.