"Man kann aber zumindest anfangen", sagen Leute wie der Unternehmer Tom Szaky, "das Wichtigste ist, den Müll richtig zu sammeln." Seine Firma Terracycle bittet Unternehmen, Schulen und Privatpersonen, ihren Abfall getrennt in Kisten anzuhäufen. Stifte zum Beispiel, Windeln oder eben Elektroschrott. Ist eine Box voll, schickt man sie kostenfrei an Terracycle. Pro Abfallstück bekommt man zwei Cent auf einem Konto gutgeschrieben; das Geld spendet man einem sozialen Unternehmen. Den Abfall lässt Terracycle sortieren und neue Produkte daraus fertigen. Rucksäcke zum Beispiel, Tastaturen, Wanduhren. Einige Sammelprogramme werden von Herstellern gefördert, die damit ihr Image aufpolieren; aber die für Handys, Digitalkameras oder Laptops rechnen sich von ganz allein.

Und doch: Selbst politikferne Recycling-Unternehmer wie Szaky haben es schwer in Deutschland. Denn auch nach der jüngsten Novellierung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes dürfen zuerst die Kommunen entscheiden, was mit dem Abfall geschieht. Und die verheizen den Müll meistens – weil sie ihre Verbrennungsanlagen auslasten müssen.

Beim Elektroschrott blüht einzig der Schattenmarkt

Auch von der Industrie kommt keine Unterstützung für das Recycling: Sogar der Unternehmer Ulrich Grillo, der so wortreich die Rohstoffknappheit beklagt, wehrt sich gegen gesetzlich verordnete höhere Recycling-Quoten. "Das ist widersinnig", sagt er, "wir brauchen keine neuen Gesetze, wir arbeiten schon selbst ausreichend an Recyclingverfahren und praktizieren sie bereits." Das muss nach Ansicht vieler Industrievertreter genügen.

Selbst zaghafte Forderungen wie die der Grünen nach einem Handypfand verhallten im März ungehört. Dabei schätzt das Umweltbundesamt, dass in Deutschland rund 60 Millionen Handys ungenutzt in Schubladen liegen. Das wären umgerechnet 3 Tonnen Gold, 30 Tonnen Silber, 1.900 Tonnen Kupfer, 1.151 Tonnen Aluminium und 105 Tonnen Zinn.

"An diese Rohstoffe wollen wir ran, die gilt es, vor der Verbrennung zu bewahren", sagt Alba-Chef Schweitzer. Er kooperiert jetzt mit der Deutschen Post: Kunden können ihr Mobiltelefon in einen Briefumschlag stecken und kostenlos zur Sortieranlage schicken. Seit Beginn des Projekts im Februar sind bereits mehr als 2.000 Handys eingetroffen, was Schweitzer für "einen guten Anfang" hält. In der Branche wird das aber als Marketing-Gag belächelt.

Ewig geht das so nicht mehr weiter. "Jahrelang haben wir unseren Müll auf Deponien versteckt oder in der Erde vergraben. Jetzt müssen wir anfangen, den Wert der strategischen Rohstoffe in unserem Abfall zu sehen", sagt Günther Bachmann, der als Generalsekretär des Rates für nachhaltige Entwicklung die Bundesregierung berät. Wo ein Wert ist, darf auch verdient werden: "Wir müssen lernen, dass nichts Schlechtes daran ist, mit dem ganzen Müll Geschäfte zu machen."

Aber noch ist der einzige Markt, der bei der Entsorgung von Elektrogeräten und anderem Wohlstandsschrott so richtig boomt, der informelle.

Man kann sogar hinfahren und ihn sich anschauen. Eine Viertelstunde von Hamburgs feiner Innenstadt entfernt, unweit des Hafens, liegt die Billstraße. Sie hat sich über die Jahre in ein blühendes Handelszentrum verwandelt. Auf offenen Flächen, die höchstens überdacht sind, verkaufen Händler Koffer, Puppen, Stereoanlagen. Ramschware. Kühlschränke und Waschmaschinen stehen im Regen rum. Auf den Hinterhöfen werden Container mit Elektroaltgeräten bepackt, die gen Westafrika fahren sollen. Die Billstraße gibt es hundertfach in Europa.

All der Schrott kommt von Müllsammlern, die hier auch Abfalltouristen genannt werden, weil sie oft nur mit einem Besuchervisum im Land sind. Auf der Suche nach ausgedienten Waschmaschinen, Kühlschränken und Monitoren patrouillieren sie auf den Straßen, durchforsten Flohmärkte und eBay, fangen vor Recyclinghöfen Menschen ab, die gerade ihren Müll wegbringen. Manche werfen Zettel in Briefkästen, fordern dazu auf, an einem bestimmten Tag Elektroaltgeräte auf die Straße zu stellen. Manchmal tauchen sie auch auf, kurz nachdem man bei der Stadt angerufen und einen Sperrmülltermin vereinbart hat. Häufig kaufen sie den Elektroschrott Händlern oder deren Zwischenhändlern ab, die eigentlich gesetzlich verpflichtet sind, ihn ordnungsgemäß zu verschrotten. Wie Jan Haß im Rahmen seiner Ermittlungen herausgefunden hat, verhökern selbst manche Entsorgungshöfe ihren Schrott an die Müllsammler. Pro Röhrenbildschirm kann ein Exporteur nach Schätzungen des Instituts Ökopol etwa einen Euro verdienen.

Der Polizist Jan Haß träumt davon, dass es die Politik doch noch richten wird. Er baut auf die neue Fassung der europäischen Richtlinie für Waste of Electrical and Electronic Equipment, die im Januar verabschiedet wurde. Sobald sie in nationales Recht umgesetzt ist, hofft Haß, wird seine Sisyphosarbeit am Hafen beendet sein. Denn laut der neuen Richtlinie soll künftig der Exporteur eine Rechnung für jedes Gerät vorlegen, das er ausführen möchte, und außerdem nachweisen, dass es noch funktioniert. Beweislastumkehr heißt das in der Sprache der Juristen.

Jan Haß könnte dann zum ersten Mal ein Schiff voller Elektroschrott anhalten.

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