Was möglich ist, aber nie gedacht wurde. Welche Mode schockiert, was schön ist oder hässlich oder womöglich beides, das sind Fragen, die sich in jedem Moment neu stellen. Im individuellen Verzweiflungsfall jeden Morgen, vor dem Spiegel. Blau zu Braun? Tweed mit Spitze? Das Kleid mit Durchsicht? Mein Gott, warum nicht, ein Jahrhundert nachdem Elsa Schiaparelli in ihrer Pariser Boutique einen Hut aufsetzte, der die Gestalt eines Lammkoteletts hatte, vielleicht aber auch den mit dem Stöckelschuh aus schwarzem Samt, und auf die Place Vendôme heraustrat.

Elsa Schiaparelli konnte sich alles leisten. "Sie ohrfeigte Paris, sie peitschte, sie folterte es – und Paris liebte sie dafür", beschreibt Yves Saint Laurent die Haltung ihrer Zeitgenossen gegenüber dem zarten Wesen, das im Jahre 1922 als mittelloses Etwas in der Konfektionsgröße XS, als alleinerziehende Mutter eingetroffen war. Und acht Jahre später, inspiriert von der Kunst, beflügelt von Salvador Dalí und Jean Cocteau, im Schatten der Siegessäule auf der Place Vendôme eine eigene Boutique hatte, übrigens den ersten Prêt-à-porter-Laden der Welt. Sie war die Modegöttin der zwanziger, dreißiger Jahre. Sie erlöste das Handwerk des Nähens zur Kunstform. "Diese kleine Italienerin" nannte Coco Chanel sie in weißer Wut.

Es ist eine unglaubliche Geschichte. So erstaunlich wie die Geschichte von Miuccia Prada , die 1949 als Tochter eines der guten Häuser Mailands geboren wurde, erst braves Mädchen war, dann natürlich den Hauch der Internationale spürte. Sie war Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, Doktorin der politischen Wissenschaften, Schauspielerin, das volle Programm – und übernahm doch den Familienbetrieb. "Fratelli Prada Valligia" in der Galleria Vittorio Emanuele. Vornehme Lederwaren. Miuccia erfand schnell ein Täschchen aus Nylon, aus Kunststoff!, dann Schuhwerk mit Flügeln und High Heels aus Stahlsäulen oder Bambusgerüst, heute steht sie für die Atemlosigkeit einer globalen beschleunigten Modewelt. Outlets in 80 Ländern. Über 70.000 Angestellte. Umsatz: im Milliardenbereich. Aschenputtel ist nichts gegen diese Märchen, denen das Metropolitan Museum New York in diesem Jahr seine Designshow widmet – Schiaparelli and Prada: Impossible Conversations. Unmögliche, nur imaginierte Gespräche, sie kannten sich ja gar nicht, Miuccia war 24, als Elsa 1973 in Paris starb, wer will wissen, was sie einander gesagt hätten, worüber sie gestritten, womöglich gelacht hätten?

Auf der Madison, an der Park Avenue, überall wehen süße Elsas im Straußenfederkranz und Miuccias, die typischerweise schüchtern an der Hand knabbern. Was soll das werden? Erste Andeutungen bei Bergdorf Goodman, dem Luxusschuppen Ecke Fifth Avenue und Central Park South. Schon Wochen vor der Ausstellung inszeniert Bergdorf Goodman die Spannung, alle Schaufenster sind der Show gewidmet, als lautlose Kommentare.

Etwa so: Hosenanzug von Prada, wie grau verwitterte Borke wuchern abgeschnittene Shorts über die Schenkel einer Puppe. Dahinter Schiaparelli 1933, das Foto eines Wickelmantels, der aus so etwas wie modulierter, borkiger Watte besteht. Graphitfarben? Oder so: Etuikleid in Shocking Red. Als wäre es ein Zirkuspferchen, ist es mit Hunderten von kleinen Seidentroddeln benäht, ein Gruß von Oscar de la Renta, ein freches Zitat von Schiaparellis legendärer Zirkuskollektion von 1928, in der Pferdchen über die Stoffe spazierten und Elefanten die Rüssel zur Fanfare hoben. Oscar de la Renta, der schon Jacqueline Kennedy kleidete und Máxima von den Niederlanden berät, hat einen roten Kunstfellmantel über das Troddel-Kleid geworfen, vielleicht anspielend auf Schiaparellis Besessenheit mit neuem Material, Synthetik, Rayon, durchsichtiges Plastik, ähnlich wie Dolce & Gabbana es mit diesem kleinen Rock aus plastikblauem Lametta tut, der eine Erinnerung an Schiaparellis herrlichen Mantel von 1953 weckt, über den Hunderte, Tausende von glitzernden Haaren wellten, von Grau zu Rosé zu Rot changierend, die letzte Kollektion, bevor das Haus Schiaparelli Bankrott anmeldete, 1954. Überflügelt, nun tatsächlich von Coco Chanel, natürlich von Dior.

"Are you going", sagt eine Lady zur anderen, beide atemlos innehaltend vor den Schaufensterwelten. "Ach, ich weiß nicht", sagt die, "mir reicht das hier vielleicht..." Advantage Bergdorf Goodman. Zu Prada: dritter Stock!