Strindberg grub und pflanzte, schrieb und festete – Liebhaber von Geselligkeit, der er war – noch drei weitere Sommer auf Kymmendö. Irgendwann rückten ihm die zwischen drei Häusern eingeklemmten Familienverwicklungen dann wohl doch zu nah auf den Leib. Mit einem Knecht zimmerte er sich mitten im Wald einen Verschlag, stellte einen Tisch hinein und zog sich dorthin zum Schreiben zurück. Eine Viertelstunde muss man durch Unterholz und über sumpfigen Waldboden, bis man den Bau auf einem Hügel sieht; verwittert, aus dunklem Holz, simpel wie eine Hundehütte. Zwei Quadratmeter Schreibzuflucht. Durch die Bäume glitzert das Meer.

»Als die Familie 1883 abreiste, hatte Strindberg für fünf Sommer im Voraus bezahlt«, sagt Britt-Marie, während wir zum Haus zurückgehen. Vielleicht ahnte er, dass eine gänzlich andere Lebenszeit bevorstand, und wollte sich umso dringender seine »Insel der Seligen« sichern? Doch zunächst kehrte der von vielen Angefeindete seinem Land den Rücken. Er mietete sich in Frankreich, der Schweiz, in Deutschland ein. Das unstete Leben mit zwei, dann drei kleinen Kindern am Genfer See, Vierwaldstätter See, Bodensee heizte Strindbergs fieberhafte Produktion noch an. Einmal, so berichtet sein Biograf, sei er vom Kutschbock gesprungen und kilometerlang hinter der Kutsche hergelaufen. Nur keine Ruhe. Das rastlose Leben beschleunigte auch den Niedergang der Ehe. Da außerdem das Geld knapp wurde und sein Ruf in Schweden ziemlich ruiniert war, griff er auf sein, wie er es nannte, »Sparkapital« zurück: die Sommerglück-Erinnerungen aus Kymmendö. Die Hemsöer wurde zu Strindbergs heiterstem Text.

Das Erste, was Britt-Marie im Wohnzimmer des Herrenhauses zeigt, sind die blau-weißen Essteller der Strindbergs an der Wand – ganz selbstverständlich hängen sie bei den Familienfotos der Bergs. Für dieses friedliche Nebeneinander mussten Generationen vergehen: Strindberg hatte – auch wenn er den Namen Kymmendö in Hemsö änderte – die Familienverhältnisse der Bergs so detailgenau und für alle Beteiligten erkennbar beschrieben, dass man ihn auf der Insel nicht mehr sehen wollte. »In Alberts Augen war er ein Verräter«, sagt Britt-Marie. Er hatte sich den Rückweg nach Kymmendö abgeschnitten.

Auf Kymmendö verbrachte er viele Sommer. Am Ende war er unerwünscht

Seine Geschichte über den Neuankömmling Carlsson, der auf der Insel auftaucht »wie ein Schneesturm an einem Aprilmorgen«, der im Auftrag der verwitweten Herrin den Hof wieder in Ordnung bringen soll, während der erwachsene Sohn sich, Seevögel schießend, auf dem Meer herumtreibt – darin erkannte Albert Berg nur zu gut die eigene Jagdleidenschaft wieder. Und seine Wut auf den Knecht, der sich als Herr aufspielte und schließlich die Mutter heiratete. Strindberg, dessen Werk sonst nicht unbedingt vor Humor sprüht, schreibt in Die Hemsöer mit federleichtem Witz: Wie jeder sich selbst entlarvt in diesem Machtspiel um die guten Plätze in der sozialen Hackordnung, ist so brillant beobachtet und erzählt, dass man den Roman in Schweden mehrfach verfilmte.

Ob seine Freude an den rasch erfolgreichen Hemsöern Strindbergs Schmerz aufwog, nicht mehr nach Kymmendö reisen zu dürfen? Als er in den 1890er Jahren zurück in Schweden war, von Siri getrennt, blieb immer eine Untröstlichkeit über die versperrte Tür – hinter der sich vielleicht nicht nur eine verlorene Insel, sondern auch ein verlorenes Familienglück verbarg. »Wirf mir ein altes Kymmendöwort zu, dass ich meine Jugend im Rückgrat spüre!«, schrieb er an den Malerfreund Carl Larsson, der Strindberg damals auf der Insel besucht hatte.

»Mehr als zehn Jahre später schickte Strindberg ein Telegramm an Albert und fragte, ob er das Haus noch einmal mieten dürfe«, erzählt Britt-Marie. Doch der sagte: Strindberg setzt mir hier keinen Fuß mehr hin. Immerhin: Alberts Tochter Gerda verbrannte zwar alle Briefe des Verräters Strindberg. Aber als seine Hütte demontiert und ins Museum geschafft werden sollte, erhob sie Einspruch: Die gehöre nach Kymmendö. »Heute haben wir ihm natürlich verziehen«, sagt Britt-Marie. »Für meine Kinder und Nichten und Neffen ist es schön, dass wir ihnen mit dieser Insel auch eine große Geschichte weitergeben.« Und dabei hat sie Tränen in den Augen. 

Zurück in Stockholm, besuche ich Strindbergs letzte Wohnung in der Drottninggata 85, die heute, nahezu original rekonstruiert, als Museum dient. Ohne Küche, da die Wirtin ihm alles Essen brachte; mit Büsten von Goethe und Beethoven und dem Bett, in dem er 63-jährig an Magenkrebs starb. »Er träumte in diesen letzten Lebensjahren immer davon, wieder in die Schären zu reisen«, sagt Museumskurator Erik Höök. »Es gab keine objektiven Gründe, die ihn daran hinderten. Er saß hier in seiner Wohnung und sprach von den Schären. Warum er nicht einfach losfuhr? Man weiß es nicht.«

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