Drei Jahrhunderte lang – von der Zeit Martin Luthers bis nach dem Ende der napoleonischen Ära – teilten Abertausende Seeleute, Schiffsreisende und Anwohner der Küsten Spaniens und Italiens sein Schicksal: Sie wurden von Nordafrikanern entführt und in die Sklaverei verkauft .

Die Christen galten als "weißes Gold" – an der menschlichen Beute waren die Barbaresken häufig mehr interessiert als an den Säcken und Fässern im Laderaum. In den Bagnos, den Sklavenquartieren, wurden Hunderte, manchmal Tausende Christen gleichzeitig als Sklaven gehalten. Im 16. Jahrhundert gehörte der spanische Dichter Miguel Cervantes zu ihnen, er verarbeitete seine Leidenszeit unter anderem in seinem berühmten Roman Don Quijote .

In der 100.000-Einwohner-Stadt Algier sollen zur Mitte des 17. Jahrhunderts zwischen 8.000 und 40.000 Sklaven gelebt haben. Sie arbeiteten für reiche Familien als Gärtner, Mundschenken, Ankleidefrauen, Diener und Köche. Wer weniger Glück hatte, der musste Zwangsarbeit auf den Ruderbänken der Galeeren, in den Steinbrüchen oder auf den Feldern leisten. Die Freiheit erlangte nur, wer von Europa aus freigekauft wurde – oder wer zum Islam konvertierte.

Die christlichen Kirchen in Europa fürchteten um das Seelenheil der Sklaven, sie schickten immer wieder Geistliche nach Nordafrika, die den Glauben der Gefangenen festigen sollten. Um die bedrängten Seelen zu retten, kauften christliche Orden regelmäßig Sklaven frei. Im Laufe der Jahrhunderte entstand ein eingespieltes System mit festen Regeln und Preisen, mit italienischen und spanischen Kaufleuten als Zwischenhändlern, mit Agenten in Algier, Tunis und Tripolis. Auch die Diplomaten in Nordafrika wurden in den Handel eingebunden – viele verdienten nicht schlecht an dem Geschäft mit den weißen Sklaven.

Die Summe für einen Freikauf konnte kaum eine Familie allein aufbringen. In Norddeutschland, vor allem in den großen Seehäfen, wurde für die entführten Matrosen gesammelt. In Hamburger Kirchen standen spezielle Bittfiguren bei den Opferstöcken: Aus Holz geschnitzte Seeleute, mit echten Eisenketten um Hände und Füße, sollten die Kirchgänger zum Spenden bewegen.

Mit dem Geld aus den Kollekten, aber auch mit Zuschüssen aus der Admiralität und Abgaben der Seeleute wurde der Freikauf finanziert. Vor allem der Hamburger Spanienhandel litt schwer unter den Barbaresken. Weit über 1.000 Seefahrer gerieten während des 17. und 18. Jahrhunderts in die "türkische Gefangenschaft". 1624 schon war in der Hansestadt die Sklavenkasse gegründet worden, eine der ersten deutschen Seeversicherungen, die allein die Aufgabe hatte, entführte Hamburger heimzuholen.

Der sogenannte Sklavenvater, der Obmann der Kasse, zog durch die Stadt und sammelte. Er war es auch, der den Freikauf organisierte – eine Aufgabe, die Geduld erforderte. Es dauerte oft Monate, bis Briefe, Zahlungsanweisungen oder Wechsel von Norddeutschland nach Nordafrika gelangten. Auch in Dänemark und dessen holsteinischen Besitztümern wurden zu Beginn des 18. Jahrhunderts Sklavenkassen eingerichtet.

Gerade Seeleute erzielten auf den Sklavenmärkten hohe Preise. Steuermänner, Schiffszimmerer oder Kanoniere waren besonders begehrt. Sie wurden zum Dienst auf den Korsarenschiffen gezwungen. "Dieß ist noch zu melden, daß Türcken ihre Seerauberey nicht treiben könten, wenn sie nicht die Christensklaven hätten, welche ihre Schiffe bauen und dirigieren", berichtet Christian Gottlieb Ludwig, Teilnehmer einer sächsischen Afrika-Expedition, 1732 aus Algier.

Mancher christliche Sklave machte als Korsar Karriere. Zum Islam bekehrte Christen brachten den Barbaresken neue Techniken bei, im Schiffbau und beim Einsatz der Artillerie, aber auch in der Kunst der Navigation. Nach 1600 stießen die Seeräuber auf dem Atlantik immer weiter nach Norden vor; 1627 sollen ihre Schiffe sogar Island erreicht haben. Von dort hätten die Menschenjäger einige Insulaner nach Algier verschleppt. Auch an der Elbmündung seien die Korsaren aufgetaucht, berichten Hamburger Chroniken. Doch ob dies wirklich stimmt, ist ungewiss. Sicher ist, dass sie bis nach Großbritannien vordrangen.

Die Niederlande, Frankreich und andere europäische Seemächte erkauften sich immer wieder eine sichere Seefahrt im Mittelmeer und zahlten Tribut an Algier, Tripolis und Tunis. Wenn die Barbaresken den Frieden brachen – was häufig geschah –, dann entsandten die christlichen Monarchen Strafexpeditionen ins Mittelmeer. Mehrfach wurde Algier heftig beschossen, gegen die Piraterie half es nicht. Allein die Holländer verloren zwischen 1617 und 1625 die ungeheure Anzahl von 206 Schiffen an die nordafrikanischen Korsaren.

Das stolze Hamburg büßte zwischen 1613 und 1621 immerhin 56 Schiffe ein. Der traditionell geizige Rat der Stadt investierte daraufhin große Summen in den Bau von Kriegsschiffen, die Konvois von Handelsfahrern sicher eskortierten. Als die Stadt den Begleitschutz im 18. Jahrhundert wegen der hohen Kosten reduzierte, gingen zwischen 1719 und 1747 erneut 50 Handelsschiffe an die Barbaresken verloren; 682 Seeleute wurden in die Sklaverei verschleppt. Zur Jahrhundertmitte warteten immer noch rund hundert hamburgische Sklaven in Algier auf den Freikauf.

Die Christen ihrerseits gingen mit gefangenen Muslimen allerdings nicht besser um: Überall vor den Küsten des Osmanischen Reiches machten die Ritterorden der Malteser und des Heiligen Stephanus aus Livorno Jagd auf muslimische Schiffe. "Corso" nannten die Malteser ihre Raubzüge, die mehrfach im Jahr stattfanden. Die Mannschaften der überfallenen Schiffe wurden versklavt und zur Zwangsarbeit gezwungen.

"Algier, Tunis und Tripolis sind in den letzten drittehalb hundert Jahren den Mohammedanern eben das gewesen, was die Insel Malta den Christen gewesen ist; es haben nemlich jene Republiken beständig Krieg gegen die Europäer geführt, wie die Malteserritter gegen die Mohammedaner", schreibt der berühmte deutsch-dänische Orientreisende Carsten Niebuhr . Er galt im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts als einer der besten Kenner Nordafrikas. In der Zeitschrift Deutsches Museum berichtet Niebuhr, wie er in Kairo einen Muslim getroffen habe, der ihm eine fürchterliche Beschreibung seiner Leiden in der Gefangenschaft der Malteser gab. "Der herumstehende Pöbel hörte aufmerksam zu, gab ihm Almosen, und verfluchte dann zwischen durch auch die Malteser, als ungläubige Barbaren."