Malteserritter, die von Muslimen gefangen genommen wurden, landeten oft am Galgen. Sie galten im Osmanischen Reich als Piraten. Für die christlichen Europäer war die Kaperei gegen die ungläubigen Muslime hingegen legitim – wenn nicht sogar religiöse Pflicht. Ihre Überfälle rechtfertigten die Malteser mit dem "Kampf der Kulturen" auf dem Mittelmeer. 1664 gelang den räuberischen Rittern mit der Kaperung des türkischen Schiffs Die Sultanin ein großer Erfolg. 350 Mann Besatzung gerieten in Gefangenschaft – zur Beute der christlichen Korsaren sollen auch eine Nebenfrau des Sultans und deren Sohn gehört haben. Das Kind sei der Mutter weggenommen, getauft, christlich erzogen und den Dominikanern übergeben worden. Dort habe der Junge unter dem Namen Domenico Ottomano später Karriere gemacht.

Die meisten Muslime wurden jedoch von den Ritterorden auf den Sklavenmärkten von Malta, Livorno, Neapel oder Barcelona verkauft. Auch in kleineren Häfen wie dem italienischen Cagliari boten die christlichen Korsaren ihre menschliche Beute feil. Guglielmo Prebost war einer dieser Freibeuter, die vor der Küste des Maghreb auf Raubfahrt gingen. Er war dafür berüchtigt, Kinder zu verschleppen. Direkt im Hafen von Cagliari bot er Jungen und Mädchen zum Kauf an, darunter Vier- bis Sechsjährige und gelegentlich sogar Säuglinge. Kaperbriefe des Königs von Savoyen legitimierten Prebosts entsetzliches Treiben.

Wie viele muslimische Sklaven in Europa lebten, lässt sich heute nicht sicher sagen, nur vereinzelt sind Zahlen überliefert. Ende des 17. Jahrhunderts sollen in Livorno von 21.000 Einwohnern rund 900 Sklaven gewesen sein, in Neapel zur Mitte des 17. Jahrhunderts – damals mit rund 300.000 Einwohnern eine der größten Städte Europas – angeblich 10.000. Darunter gab es aber auch Sklaven aus Schwarzafrika, die keine Muslime waren.

In Livorno begegnet Goethes Vater muslimischen Sklaven

Die Sklaven der Christen mussten die Galeeren der Kriegsmarinen rudern, für den Staat auf Baustellen, Werften oder in Steinbrüchen schuften, als Lakaien und Diener dem Adel aufwarten. Johann Caspar Goethe, der Vater des Dichters, schreibt in seiner Reise durch Italien über einen Besuch des Sklavenquartiers in Livorno 1740. Die italienische Stadt war der wichtigste Hafen der toskanischen Stephansritter und die Basis vieler christlicher Korsaren. "Das ist ein abgesperrter Ort", notiert Goethe senior über die Bagnos, "an dem die Sklaven und Galeerensträflinge, die tagsüber in der Stadt ihr Brot verdienen dürfen, eingeschlossen werden." Die "türkische Moschee", einen einfachen Saal, in dem sich die Sklaven zum Gebet versammelten, bekam der Deutsche allerdings nicht zu sehen.

Muslimische und christliche Korsaren gingen mit großer Härte gegen die Schiffe der jeweils anderen Seite vor. So blieb das Mittelmeer über drei Jahrhunderte hinweg unsicher. Noch im Mai 1787, 47 Jahre nach der Italienreise seines Vaters, fürchtete sich Johann Wolfgang Goethe vor den algerischen Seeräubern, als er auf einem französischen Schiff von Sizilien nach Neapel fuhr. Ein später Nachklang jener Angst ist noch aus dem Satz des Mephistopheles herauszuspüren, im zweiten Teil des Faust: "Ich müßte keine Schiffahrt kennen: / Krieg, Handel und Piraterie, / Dreieinig sind sie, nicht zu trennen."

Diese Dreieinigkeit erlebte auch Johann Michael Kühn, der Gothaer, der an Bord eines Hamburgers Kauffahrers entführt wurde. Sein Patron macht mit dem Verkauf entführter Seeleute viel Geld. Für Kühn, der ihm jahrelang ohne Lohn diente, bekommt er schließlich 570 Reichstaler. Diese Summe zahlt der holländische Konsul in Algier, das Geld stammt von Kühns Landesherrn, aus Kollekten in Gotha und Altenburg, aus der Hamburger Sklavenkasse und aus seinem Erbe. Nach 14 Jahren, zwei Monaten und 17 Tagen endet Kühns Sklaverei. Für ihn sei dies eine Zeit gewesen, in der "ich alles ausgestanden habe, was an menschlichem Elend genannt werden mag".

Auf einem Segelschiff verlässt er den Ort seiner Leiden. "Am 12. Juli des Jahres 1739 segelten wir mit günstigem Wind von dem verfluchten Algier ab", schreibt Kühn. Das Schiff bringt ihn nach Marseille. In der französischen Hafenstadt trifft er zufällig auf Hamet, einen "Mohren", der als Sklave auf einer französischen Werft arbeiten muss. Kühn hat ihn in Algier während einer Raubfahrt kennengelernt. Nun haben sie die Rollen getauscht: Kühn ist ein freier Mann und Hamet ein Sklave. Er sei vor drei Jahren von den Maltesern gefangen genommen worden, berichtet er. "Ich wünschte ihm Glück [...] und erinnerte ihn an das Tractament, das die armseligen Christensklaven in Algier leiden und ausstehen müssen", schreibt Kühn.

Am 26. Dezember 1739 kehrt er nach Gotha zurück. Der Piraterie der Barbaresken macht erst die französische Eroberung Algiers 1830 ein Ende. Johann Michael Kühns Spur aber verliert sich rasch. Fest steht nur, dass er bereits 1740, noch bevor seine Lebensbeschreibung gedruckt war, seine Heimatstadt verließ, um wieder zur See zu fahren.