Mehr als je zuvor braucht die Welt ein Wiederauferstehen der legendären Armee der christlichen Krieger, der Tempelritter . ... Stets hat Gott aus unserem Kreise eine göttlich geführte, christliche Armee hervorgehen lassen, die sein Königreich und sein Volk verteidigte. Die Zeit für eine solche vom Himmel geschickte christliche Armee ... ist nun erneut da, in unserer Generation. ... Wir sterben zusammen als christliche Brüder und Schwestern bei der Verteidigung der christlichen und jüdischen Welt.

Paul Ray lebt in einem selbst gewählten Exil. "Gott hat mich hergeführt", sagt er bei einem Rundgang durch die Gassen der maltesischen Hauptstadt Valletta, in denen sich Souvenirläden aneinanderreihen. Auf Mitbringseln, Denkmalstafeln, Fahnen: überall rote Kreuze auf Weiß und weiße Kreuze auf Rot, am häufigsten das Malteser- beziehungsweise Johanniterkreuz. Die Johanniter kamen 1530 auf die Insel, seitdem kennt man sie auch als Malteser. Gut 200 Jahre zuvor hatte der Vatikan den Templerorden aufgelöst, die Johanniter erbten einen Teil von dessen Vermögen. Für moderne Malteser ist das längst in Folklore verwandelte Vergangenheit – für Paul Ray ungebrochene Gegenwart. Er glaubt zum Beispiel ernsthaft, der britische Prinz William sei dazu ausersehen, in einer nahenden Endschlacht zwischen "den Kräften des Guten und des Bösen" das Abendland als "oberster Feldherr von Gottes Gnaden" in den Kampf zu führen. Paul Ray weiß genau, dass die meisten Menschen das jetzt für vollkommen absurd halten müssen. Das ficht ihn aber nicht an. Im Moment gehe es nicht um Gewalt, in diesen Tagen stünden andere Aufgaben im Vordergrund – islamistische Gruppen zu infiltrieren beispielsweise, um deren Terrorpläne den Behörden zu melden.

Zufrieden lauscht Ray dem Nachhall seiner Ausführungen. Bei Breivik hatte das Gespräch begonnen, und er, Ray, hat es zur Arbeit der westlichen Geheimdienste gelenkt, seine Ideen mit der aktuellen Nachrichtenlage verknüpft. Er hat sich die Welt passend gemacht für seinen Wahnsinn.

Ray stammt aus dem englischen Luton. 2009 gründete er die English Defence League, ein Sammelbecken für Nationalisten und Islamhasser, vereint im Protest gegen den Bau neuer Moscheen. Schon kurz nach der Gründung entglitt Ray die Führung. Es gibt zig Versionen, wer wen ausbootete, sicher ist nur, dass Ray schnell wieder draußen war. Als ihm im selben Jahr wegen antimuslimischer Ausfälle eine Anklage wegen Volksverhetzung drohte, floh er nach Malta.

Die English Defence League ist inzwischen zur tonangebenden islamfeindlichen Organisation in England angewachsen. Sie hat "Divisionen" in vielen Städten, die Zahl ihrer Facebook-Freunde liegt im fünfstelligen Bereich. In Studien wird die English Defence League als rassistisch beschrieben. Seit 2009 hat sie ihre Anhänger zu mehr als 80 zum Teil gewalttätigen Demonstrationen zusammengetrommelt, bei denen auch Templerkreuze gezeigt werden.

Dieses Symbol zu verwenden sei seine Idee gewesen, behauptet Ray. Er habe als Erster "die Abwehr der Islamisierung Englands" heute mit der Templergeschichte verbunden.

Wenn Ray heute raunt, die English Defence League habe "terroristisches Potenzial", will er womöglich die aktuelle Führungsriege diskreditieren, vielleicht auch, um von sich selbst abzulenken. Er behauptet sogar, der wahre "Löwenherz", den Breivik als Mentor bezeichnet, sei in der League zu finden. Ray präsentiert eine Mail aus dem Juni 2009, aus der tatsächlich hervorzugehen scheint, dass bei einem Gründungstreffen der English Defence League noch ein anderer Mann dabei war, der sich "Richard the Lionheart" nannte. Der Versuch der ZEIT, diesen zweiten "Löwenherz" zu kontaktieren, scheitert. "Ihre Fragen sind beleidigend und verdienen keine Antwort", schreibt ein Mittelsmann zurück. Die Frage bleibt: Wie viele "Lionhearts" gab es 2002 in London, und war einer von ihnen – möglicherweise unwissentlich – der geheimnisvolle Mentor von Anders Behring Breivik? Wie viele "Lionhearts" gibt es heute – alte und neue?

Die norwegischen Ermittler haben Ray nie wieder befragt und auch nicht nach Oslo vorgeladen. Es gibt keine Indizien, dass Ray und Breivik sich je begegnet sind. Trotzdem hat der Engländer einige der Fragen beantwortet, die sich seit dem Massenmord des Norwegers stellen: Breivik irrlichtert nicht als Einziger durch eine Welt von Fantasterei und Fanatismus.

Im Prozess von Oslo geht es nicht zuletzt um die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten . Die Antwort wird Konsequenzen haben: Wird Breivik in einer Klinik untergebracht oder in einem Gefängnis? Werden die Angehörigen ihre Kinder durch die Tat eines Verrückten verloren haben oder durch den Akt eines kühl kalkulierenden Extremisten? Und: Wird Breiviks Weltbild einem einzelnen Irren zugerechnet werden oder nicht?

Breivik will unbedingt als psychisch gesund beurteilt werden, alles andere sei eine Beleidigung, sagt er. Offensichtlich fürchtet er um seine Glaubwürdigkeit in den Augen derer, denen er sich als Idol empfehlen will.

Doch Breiviks Aussagen vor Gericht widersprechen sich. Sie konterkarieren seinen Anspruch absoluter Präzision. So behauptet er inzwischen, er habe das Treffen in London "ausgeschmückt" und "pompös" beschrieben: "Wenn man den Propagandaeffekt optimieren will, sagt man nicht, es war ein Treffen von vier verschwitzten Kerlen in einem Kellerraum." Dass es stattfand, darauf beharrt er allerdings. Und ebenso darauf, dass die Bewegung ihren Ursprung in den Taten serbischer Nationalisten habe, die im Kosovokrieg eine "Kreuzfahrer-Mentalität" gezeigt hätten. Mehr werde er nicht sagen. Warum nicht? "Damit niemand verhaftet wird." Auf den Seiten 1276 und 1378 seines Manifests breitet Breivik seine Deutung der Zeitgeschichte weiter aus:

Eine Illustration verschiedener erfolgreicher und entscheidender Kampagnen: Serbische Freiwilligengarde SDG, Zweiter Kommandeur: Milorad Ulemek. ... Die SDG war eine paramilitärische Freiwilligen-Einheit. ... Die albanischen Muslime in Serbien verweigerten sich der Deportation und der Abkehr vom Islam und starteten stattdessen den bewaffneten Widerstand. Deswegen wurden sie mit dem Ziel der Auslöschung ins Visier genommen. – Ich hatte das Privileg, einen der größten lebenden europäischen Kriegshelden überhaupt zu treffen, einen serbischen Kreuzfahrer und Kriegshelden, der viele Muslime in der Schlacht getötet hat. Wegen der Verfolgung durch die EU aufgrund angeblicher Verbrechen gegen Muslime lebte er in Liberia. Ich besuchte ihn einmal in Monrovia, unmittelbar vor der Gründungssitzung in London 2002.