Wie kann man die Beiträge für die Krankenversicherungen stabil halten? Wie kann man dafür sorgen, dass die Gelder direkt in die Therapien fließen? Wie verhindern, dass die gleiche Leistung überall unterschiedlich viel kostet? Das waren die Kernfragen hinter der Gesundheitsreform des Jahres 2000. Die Antwort lautete: mehr Effizienz, Transparenz, Wettbewerb. Das Abrechnungssystem, das dies bewirken sollte, heißt DRG, Diagnosis Related Groups . Es wurde 2003 eingeführt und bedeutet, dass Krankenhäuser nicht mehr nach Liegedauer bezahlt werden, sondern eine Pauschale bekommen, die sich nach der Einlieferungsdiagnose richtet. Während das alte System einen Anreiz schuf, die Dauer des Aufenthaltes unnötig in die Länge zu ziehen, sollte das neue System Effizienz belohnen. So gibt es zurzeit 3.500 Euro für eine Blinddarmoperation. Davon müssen alle Kosten gedeckt werden. Wenn etwas übrig bleibt, kann die Klinik das Geld verwenden, um ihre Attraktivität zu steigern, beispielsweise durch modernere Zimmer.

Zwei Monate nachdem die Frau bei uns eingeliefert wurde, lasse ich mir den Entlassbrief aus der Reha kommen. Daraus geht hervor: Sie stammelt immer wieder dieselben Silben, versteht offenbar nur Bruchstücke. Ihre rechte Körperhälfte ist gelähmt, sie kann nur mit Hilfe aufgesetzt werden. Oft sitzt sie stundenlang reglos da. Vor der Entlassung wird ein Rollstuhl nach Hause geliefert, ein Toilettenstuhl, ein Pflegebett. Ihr Mann erzählte, dass sie vor dem Schlaganfall dreimal die Woche für ihre Enkel gekocht habe. Im Winter waren sie noch gemeinsam langlaufen. In einer gut ausgerüsteten Klinik hätte sie eventuell eine Chance gehabt, wieder in dieses Leben zurückzukehren. Jetzt hat sie Pflegestufe 3. Während unser Haus effizienter wurde, sind anderswo höhere Kosten entstanden.

Professor Peter Ringleb , Neurologische Universitätsklinik Heidelberg und Schlaganfallexperte: »Eine Kernspintomografie für Schlaganfallpatienten mit unbestimmtem Symptombeginn rund um die Uhr vorzuhalten ist bisher nicht Standard. Auch weil bisher nicht sicher geklärt ist, ob eine Kernspin-basierte Lyse tatsächlich die beste Therapie ist. Sicher ist: Die Heilungsaussichten sind besser, wenn ein Patient in eine spezialisierte Schlaganfall-Abteilung verlegt wird. Das geschieht – auch aus ökonomischen Gründen – leider nicht immer.«

Es gibt noch eine Herausforderung, die unser Geschäftsführer bewältigen muss: In den letzten Jahren haben mehr als 15 Kollegen unsere Klinik verlassen. Sie gehen, weil sie Ärzte sein wollen und keine BWLer. 

Über ein Jahr lang fand sich für die Assistenzarztstelle in der Inneren Medizin kein deutschsprachiger Bewerber. Man behalf sich mit einem sogenannten Gastarzt . Er kommt aus Osteuropa , ist Mitte 40, seine fachlichen Kenntnisse sind mager, seine Deutschkenntnisse ebenso. Niemand hat sich Zeit genommen für seine Weiterbildung. Obwohl er kaum zu verstehen ist, besetzt er die Notaufnahme oft allein.

An diesem Vormittag trifft er auf eine Frau Mitte 80. Am Morgen war sie in ihrem Pflegeheim apathisch und verwirrt im Bett gefunden worden. Sie hat Diabetes, die Niere arbeitet auf Sparflamme, sie nimmt eine Menge Tabletten. Die Schwester wird mir später schildern, wie der Kollege versucht hat, mit der Patientin zu kommunizieren. Vergeblich: Sie versteht seinen Akzent nicht, und er hat Probleme mit ihrem Dialekt. Blutdruck, Blutzucker, EKG sind in Ordnung. Jetzt müsste eine gute Anamnese her: Wie ging es ihr gestern? Hatte sie Schmerzen oder einen Infekt? Ist sie gestürzt? Weil er wenig Hoffnung hat, eine Antwort zu bekommen, kümmert er sich lieber um den nächsten Patienten. 

Eine halbe Stunde später schaut der Oberarzt vorbei. Jetzt wäre es seine Aufgabe, das, womit der Assistenzarzt überfordert ist, zu ergänzen. Aber er hat keine Zeit, bereits im Gehen sagt er: »Dann machen Sie halt eine Lumbalpunktion!« Es könnte ja auch eine Meningitis sein, das müsse man klären. Die Lumbalpunktion, bei der eine lange Nadel in der Höhe der Lendenwirbelsäule von hinten in den Kanal des Rückenmarks gestochen wird, gelingt erst beim dritten Versuch und verursacht, wenn sie von einem Ungeübten wie meinem Kollegen durchgeführt wird, fürchterliche Schmerzen. Als die Frau am Nachmittag auf meine Station verlegt wird, stöhnt sie immer noch leise.

An ihrer Adresse erkenne ich das Heim, in dem sie lebt. Ich kenne den Hausarzt, der das Heim betreut. Ich rufe ihn an und lasse mir die Liste ihrer Medikamente geben. Lyrica, ein Mittel gegen Nervenschmerzen, nimmt sie in höherer Dosis, als es ihre schlechte Nierenfunktion erlaubt. Falsch dosiert, verursacht es Bewusstseinsstörungen und Verwirrtheit, also genau die Symptome, derentwegen sie eingeliefert wurde.

Ich lasse ihr eine Infusion anhängen und setze das Medikament ab. Am nächsten Tag ist sie wieder wach und klar bei Sinnen.

Rettungswagen, Grossstadt, Notärztin

Ein Ambulanzfahrzeug mit einer alten Frau irrt stundenlang durch die Stadt. Keiner will sie aufnehmen. Sie ist – wie alle alten Patienten – ein »schlechtes Risiko«. Im neuen System hängt das Betriebsergebnis davon ab, wie schnell man den Patienten wieder loswird. Die Folge: Alle wollen junge Patienten, die schnell wieder auf den Beinen sind. 

Ich arbeite als Notärztin auf einem Rettungswagen. Morgens wird eine Liste mit freien Betten an den Stützpunkt gefaxt. Wenn ich ein paar Stunden später einen alten, womöglich bettlägerigen Patienten bekomme, kann es sein, dass alle belegt sind.

Meistens nimmt eine Krankenschwester ab: »Was habt ihr denn?« Dann folgt eine Art Verkaufsgespräch.

»85-Jährige, Verdacht auf Schlaganfall.«

Man möchte nichts verheimlichen, aber man muss auch nicht alles sagen. Zum Beispiel würde ich es niemals von mir aus ansprechen, wenn die Patientin im Heim lebt – wegen der schlechteren Rehabilitierungsaussichten. Nur wenn die Schwester danach fragt, gebe ich es zu. Dann ist die Antwort fast immer, dass leider kein Bett frei sei. Jederzeit willkommen sind: Knochenbrüche, Herzinfarktpatienten unter 75. Das sind »gute Risiken«. Die werden mir normalerweise beim ersten Anruf abgenommen.