Natürlich treffen auch Ärzte mit Bonusverträgen in den allermeisten Fällen die medizinisch beste Entscheidung. Aber trotzdem haben diese Verträge dazu geführt, dass der Patient, ohne es zu wissen, einem Arzt gegenübersitzt, der in einem Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen und Patientenwohl steht. Es ist ein System, das funktioniert, wenn alle Menschen in allen Fällen das Richtige tun. Und das Ärzten Geld dafür anbietet, dass sie ihre Entscheidungen zugunsten des Betriebsergebnisses auslegen. Meistens ist das nicht schlimm, denn meistens geht es ja gut.

Aber nicht immer. Wie bei dem Mann Mitte 50, der vor ein paar Wochen in unsere allgemeine Sprechstunde kam. Er erzählt, dass er letzten Sommer mit seinem Enkel im Garten gespielt hat. Dann knackt es im Knie, und mit Schmerzen und Problemen beim Beugen wird er schließlich in sein Kreiskrankenhaus überwiesen. Die Kollegen dort finden einen angerissenen Meniskus und minimale Verschleißerscheinungen. Vier Wochen später wird der Meniskus durch eine Kniespiegelung teilweise entfernt. Jeder Orthopäde weiß, dass Patienten mit Verschleißerscheinungen danach länger andauernde Beschwerden haben können. Meistens verschwinden sie mit der Zeit und einer guten Bewegungstherapie.

Es ist also nicht ungewöhnlich, dass der Patient sechs Wochen später mit Schmerzen in das Krankenhaus zurückkommt. Der Kollege macht eine zweite Kniespiegelung. Er sieht abermals Verschleißerscheinungen und schlägt dem Mann vor, ein künstliches Kniegelenk einzubauen. Sechs Wochen nach dem Unfall! Ohne es mit Krankengymnastik, Kältebehandlung oder entzündungshemmenden Medikamenten überhaupt versucht zu haben. Das ist schnell. Sehr schnell. Und in diesem Fall ist es auch nicht gut gegangen.

Der Patient entwickelt nach der Operation eine Thrombose, die nicht aufzulösen ist. Als er schließlich zu mir kommt, hat er eine bleibende Bewegungseinschränkung des Beines. Das heißt, er hinkt. Ob sein Chirurg eine Zielleistungsvereinbarung unterschrieben hat, weiß ich nicht. Die Operation fand in einem kleinen Krankenhaus statt. Es steht unter dem Druck, jedes Jahr eine Mindestanzahl an Hüft- und Knieprothesen zu operieren, sonst dürfen sie diese Behandlung nicht mehr durchführen. Nur wer viel operiert, operiert auch gut, das ist die Idee. 

In manchen Bereichen – Frühgeburten oder Krebstherapie zum Beispiel – ist es medizinisch sinnvoll, Zentren zu bilden. Aber bei Gelenkoperationen bringt es nichts. Es treibt die kleineren Häuser in die Pleite, denn kein Krankenhaus kann davon leben, alle zwei Wochen einen Unfallverletzten zusammenzuflicken. So wurde bei den Gelenkprothesen ein Wettbewerb zwischen Großen und Kleinen entfesselt.

Das DRG-System beinhaltet im Kern die Aufforderung, Ressourcen sparsam einzusetzen. Das ist natürlich legitim. An diesem Tag hat die Konkurrenz, die durch Mindestmengen entfesselt wurde, dazu geführt, dass ich einem Mann, neun Monate nachdem er sich beim Spielen mit seinem Enkel das Knie verknackst hatte, eine »Bescheinigung zur Schwerbehindertenanerkennung« ausstellen musste. 

  Privates Krankenhaus, Land, Stationsarzt

Am Anfang dachte ich, ich bin im Paradies gelandet. Zum Vorstellungsgespräch hatte man mir ein Hotel spendiert. Die Klinik ist modern und sauber. Statt einer muffigen Pforte mit einem mies gelaunten Pförtner gibt es eine helle Rezeption mit lächelnden Angestellten, wie man sie in einem Hotel der Oberklasse erwartet. Eine hübsche junge Frau eskortiert mich zum Büro der Chefsekretärin. Das Gespräch mit meinem künftigen Chefarzt verläuft in entspannter Atmosphäre. Dann klopft es an der Tür: der Geschäftsführer der Klinik. Der Chefarzt verabschiedet sich und verlässt eilig sein eigenes Büro. Mein Gegenüber kommt schnell zur Sache. »Sie wissen, dass wir als private Einrichtung nicht den Tarifverträgen unterliegen...« Und dann stellt er mir die Frage, mit der ich schon gerechnet habe: »Was wollen Sie denn verdienen?« Natürlich kenne ich die Zahl, die mir der Headhunter am Telefon genannt hat. Eine fast obszön hohe Zahl. Und ich schaffe es tatsächlich, sie auszusprechen.

»Können wir machen«, sagt er. »Dienste werden extra bezahlt.«

Ich verschlucke mich fast.

»Brauchen Sie sonst noch etwas?« 

»Was die Wohnungssuche angeht...«

»Da helfen wir Ihnen natürlich. Wir möchten, dass Sie zum nächsten Ersten anfangen. Was glauben Sie denn, was Ihr Umzug kosten wird?«

Inzwischen bin ich aus dem Alter raus, in dem man mal eben seine zwei Ikea-Regale in einen Kastenwagen packen kann.

»3.000 Euro vielleicht?«, sage ich. Fast mein neues Netto-Monatsgehalt!

»Schicken Sie uns die Rechnung! Können wir sonst noch etwas für Sie tun?«

Ich muss nachdenken. Jetzt bloß nicht unverschämt werden. Andererseits... »Wie sieht es denn mit Fortbildungen aus?«

»Wenn es dem Haus dient, sind wir da in der Regel kulant. An was hätten Sie gedacht?« 

»Medizinische Ethik zum Beispiel...«

Er lächelt.

»Da liefern Sie mir ein Stichwort... Sie wissen, dass wir gezwungen sind, wirtschaftlich zu arbeiten. Sie kennen das System. Sie wissen, wie wichtig es ist, darauf zu achten, dass die Patienten nicht zu lange bei uns bleiben.«

Bald weiß ich tatsächlich, was er meint.

Ein paar Monate später: Es ist ein hektischer Vormittag, der Anruf kommt ungelegen. Dieser Anruf kommt immer ungelegen. »Hier ist Medical Controlling, hätten Sie einen Moment Zeit für mich?«