In einer öffentlichen Klinik rollen die Ärzte mit den Augen, wenn eine Kollegin aus der Buchhaltung etwas von ihnen will. Hier nicht. Ich sage: »Was kann ich für Sie tun?«

Die junge Frau am anderen Ende der Leitung nennt mir einen Patientennamen. »Wann wird der denn entlassen?« 

Wenn ich das wüsste. Der Patient ist schwer krank, alt und alleinlebend. Eigentlich hätte er gestern entlassen werden sollen, aber dann bekam er Fieber. »Bekommt er Infusionen?«

»Jetzt nicht mehr. Es geht ihm ja schon wieder etwas besser, er kann trinken...«

»Was ist mit Antibiotika?«

»Kriegt er. Werden wir aber heute auf Tabletten umstellen.«

»Geben Sie es weiter intravenös! Dann können wir den Aufenthalt länger rechtfertigen!«

»Aber Tabletten...«

»...sind nach Ansicht der Kasse kein Grund für eine stationäre Behandlung. Und wir müssen jeden Tag begründen. Der Patient hat die mittlere Verweildauer schon lange überschritten, seit gestern auch die obere Grenzverweildauer, das heißt, wir sind im Zuschlag...« 

Mit dem Medical Controlling legt man sich besser nicht an. Natürlich dürfen die sich streng genommen nicht in die Behandlung einmischen, schließlich sind sie keine Ärzte. Andererseits – ein paar Tage intravenöse Antibiose werden dem Patienten wohl nicht schaden, auch wenn der Nutzen nicht erwiesen ist. Verzweiflungsantibiose nennen wir das.

Immerhin ist der Mann nicht an unserer Behandlung gestorben. Selbst das kann man hier leider nicht ausschließen.

Wie bei der Patientin, die mit einem Speiseröhrenkarzinom zu uns kam. Sie ist Ende 40, geschieden und todkrank. Ihre Eltern sind alt. Es gibt niemanden, der sie vor unserer Behandlung schützen kann.

Der Krebs hat bereits in die Wirbelsäule und die Leber gestreut. Sie hat nur noch Wochen zu leben.

Zu uns kommt sie zur Strahlentherapie. Anfangs läuft alles komplikationslos. Die Metastasen werden kleiner, die Lähmungserscheinungen bilden sich zurück.

Aber die Bestrahlung hat ihr Immunsystem geschwächt. Plötzlich entwickelt sie eine Blutvergiftung mit hohem Fieber und ist kaum noch ansprechbar. Ein solcher Verlauf ist nicht ungewöhnlich: Oft genug ist es eine Sepsis, an der diese schwer kranken Menschen schließlich sterben.

Wir haben sie fast schon aufgegeben, als es ihr plötzlich besser geht. Zumindest ein bisschen. Das Fieber ist gesunken, man kann wieder mit ihr sprechen. Sie ist dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen. Das einzig Vernünftige wäre, sie jetzt in Ruhe zu lassen. Ich schlage meinem Chef vor, sie nach Hause oder in ein Hospiz zu entlassen.

Er: »Die Strahlentherapie ist noch nicht beendet, und sie liegt schon viel zu lange bei uns.« Ich verstehe: Wenn die Patientin deutlich weniger Bestrahlungen erhält als ursprünglich geplant, dann gibt es dafür auch deutlich weniger Geld.

Also wird sie weiter bestrahlt.

Jede weitere Bestrahlung schwächt ihren sowieso schon stark angegriffenen Körper noch mehr und macht sie anfälliger für weitere Infektionen. Wenn wir sie weiter bestrahlen, dann bringen wir sie möglicherweise um. Aber sterben darf sie erst, wenn die Strahlentherapie beendet ist.

Sie ist zu krank, um sich zu wehren. Ihre Familie durchschaut das Problem nicht. Wie auch? Sie vertrauen uns ja. Ich könnte ihr abraten. Aber das würde mein Chef merken, und dann hätte ich ein Problem. Außerdem komme ich in dem Moment nicht darauf, das zu tun: Wer in dieser Klinik arbeitet, macht sich bald ihre Denkweise zu eigen.

Erst später habe ich verstanden, was wir da getan haben: Wir haben dieser Frau ihre letzten Wochen versaut. Sie verbringt sie in halb wachem Zustand, kaum ansprechbar für ihre Familie. Als sie die unnötige Therapie abgeschlossen hat, ist sie schwach und aufgedunsen, sie kann das Bett nicht mehr verlassen. Und jetzt?