Es ist Februar 2011, als ich mich aufmache, meinen alten Freund, den Dichter Knud Wollenberger, zu besuchen. Er wohnt in der irischen Wildnis mit seiner deutschen Frau Christiane. Diese hat mir wenige Tage zuvor eine Nachricht geschickt: "Knuds Zustand ist sehr schlecht, es geht zu Ende."

Plötzlich ist die letzte Gelegenheit da, um Knuds Version der Geschichte über sein Doppelleben zu erfahren. Nach außen sichtbar war er aktiv in der DDR-Friedensbewegung in Pankow mit seiner damaligen Frau Vera Lengsfeld. Verdeckt war er Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit – und das nahezu 20 Jahre lang.

Ich hatte bereits unzählige Versuche unternommen, aber seine Krankheit hindert Knud daran, verständlich zu sprechen; ob auf Dänisch, Deutsch oder Englisch – diese drei Sprachen beherrscht Knud. Er leidet an der unheimlichen Krankheit Multisystematrophie (MSA), die Alzheimer ähnlich ist.

Knud und Christiane lernten sich im Jahr 2008 in Berlin-Buch kennen. Die Angestellte einer Pflegestation war gebeten worden, bei dem behinderten Mann zum Hausbesuch vorbeizuschauen. Nach sechs Monaten gab Christiane ihren Gefühlen nach: Knud erschien ihr als der Mann, der für sie bestimmt war. Für ihn war es ein Glücksfall, denn Christiane ist nicht nur ein überaus lieber Mensch, sondern auch eine versierte Pflegerin.

Knud und Christiane begannen, Pläne zu schmieden. Im Sommer 2009 fuhren sie gemeinsam in die Ferien. Die Reise ging nach Irland, in ein Haus auf der Insel Inishbofin. Dort entdeckten sie die Magie und Poesie der Landschaft, der Volksmusik und der Geschichtenerzähler. Zurück daheim, entschlossen sie sich, einen Neuanfang zu wagen – weit weg von Berlin. Im September 2009 brachen sie auf und flogen nach Dublin. Im Juni 2010 heirateten sie unter freiem Himmel.

Der Bus schlängelt sich durch die graugrüne Landschaft. Ich denke zurück an meine erste Begegnung mit Knud: im August 1973 in Ost-Berlin. Ich war damals 19 Jahre alt, Knud 21. Wir lernten uns auf den "Weltfestspielen der Jugend und Studenten" kennen. An neun Tagen diskutierten junge Menschen aus Ost und West, sie tanzten und liebten einander. Es war mitten im Kalten Krieg. Ich war Delegierter für das Internationale Forum – diese Gruppe kämpfte für die Befreiung Afrikas. Knud trug eine blaue FDJ-Kluft, als ich ihn kennenlernte.

Ein Jahr später trafen wir uns auf dem Roskilde Festival in Dänemark wieder und genossen das wilde, freie Leben. Als dänischer Staatsbürger konnte Knud in den Westen reisen. Er liebte Poesie, Rock ’n’ Roll und lockeren Sex. Er war lustig, hatte aber zugleich blitzschnelle Repliken auf Lager, wenn es um DDR-Bonzen oder die "Tugenden" des Systems ging. Er war kein typischer Repräsentant der DDR-Jugend. 

Aber es gab auch einen anderen Knud.

Das bemerkte ich erst im November 2006, als ich im Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde Tausende von Dokumenten sichten konnte. Meine Verbindung zu Knud war Ende der siebziger Jahre abgerissen; 2006 aber nahm ich erneut Kontakt auf, nachdem ich in der deutschen Presse etwas über sein tragisches Leben gelesen hatte.