Trotzdem abheben

Meine Wortmeldung zielt nur auf eine, meines Erachtens aber dringliche Frage, die freilich die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft betrifft. Wir brauchen in dieser Frage eine überzeugende Praxis kirchlichen Handelns, die den Anspruch des Evangeliums ("Gottes Reich zuerst suchen") als einen aus der Osterbotschaft erwachsenden Zuspruch ("Solange du atmest, darfst du neu anfangen") verständlich macht. Es gibt ein Suchen des Reiches Gottes auch auf Umwegen und Seitenpfaden. Das hat die Seelsorge der Kirche zu allen Zeiten gewusst. Und sie hat stets angesichts konkreter Not verständnisvoll zu helfen gewusst.

Eine dringliche Frage kirchlicher Pastoral heute ist angesichts zunehmender Ehescheidungen die Frage, wie das klare Gebot des Herrn zur Treue auf Lebenszeit mit der Einladung zu einem Neuanfang vor Gott und der Kirche zusammengehen kann. Hier steht unser Verständnis des Evangeliums auf dem Spiel. Wir müssen nicht nur in der Tradition, sondern vor allem bei Jesus neu in die Schule gehen.

Für die Begleitung geschieden Wiederverheirateter und deren sakramentalen Status ist das universale kirchliche Lehramt gefragt. Es gab in den letzten Jahrzehnten in der Lehre der Päpste vertiefte Einsichten in die wachsende Kompliziertheit der Situationen, in denen heute Ehen gelebt werden müssen. Hier gälte es weiterzudenken, weiter zu differenzieren und verbindliche Regeln zu erarbeiten, nicht zuletzt, um pastoralen Unsicherheiten und Wildwuchs zu wehren. Es ist freilich aber ebenso die Verantwortung der Seelsorger und der Eheleute gefragt, ihr Urteilen und Handeln immer neu an der Weisung des Herrn zu prüfen.

Ich möchte Kirchenkritikern sagen, dass ich wegen akuter Probleme oder gar Sünden, die ich in der Kirche Christi entdecke (ich selbst trage ja auch dazu bei), keinen Anlass sehe, diese zu verlassen. Auch unfreundliches, schlecht motiviertes Flughafenpersonal nimmt mir nicht die Hoffnung, bald mit einer Maschine in den Himmel abzuheben.

Die Kirche ist Instrument des Heiles, nicht mehr und nicht weniger. Sie ist aber nicht das Heil selbst. Mir ist die Kirche Garant des Evangeliums. Man kann Mozart auch von schwachen Musikern vorgespielt bekommen. Das tut zwar weh, aber Mozart bleibt Mozart.

Übrigens: Gegen die angebliche Reformunfähigkeit der Kirche spricht ihre Geschichte. Die tröstet mich als Bischof derzeit angesichts unseres kirchlichen "Jammerns" mehr als mein theologisches Wissen. Und getröstet bin ich auch, wenn ich die Briefe des Bischofs Clemens Pickel aus Saratow in Russland lese. Da lerne ich wieder neu, das Geheimnis der Kirche zu verstehen und zu lieben.

Joachim Wanke, 71, ist Bischof von Erfurt