Es gibt jetzt im Fernsehen Frauen, die mit rutschender Brille durchs Bild schlurfen und nachts eine Knirschschiene im Mund haben. Sie tragen Bärchenpyjamas aus Flanell, schlafen auf dem Sofa mit der Hand in der Chipstüte ein und blamieren sich auch sonst, da ihnen die angeblich typisch weibliche soziale Sensibilität fehlt. In der ProSieben-Serie New Girl spielt Zooey Deschanel eine Lehrerin mit Liebeskummer, die in einer Jungs-WG wohnt. In Girls , der gerade in den USA angelaufenen Show der 26-jährigen Lena Dunham, wird von Liebe, Freundschaft und Arbeit in Manhattan 14 Jahre nach Sex and the City erzählt. Amy Poehler spielt eine stellvertretende Gartenbauamtsdirektorin in Indiana . Und Tina Fey ist in 30 Rock sie selbst vor ein paar Jahren: eine erfolglose Witzeschreiberin beim Fernsehen. Sie sind Frauen, aber sie sind Nerds: verschroben, irritierend und brillant.

Man nennt sie "fem nerds". Sie schreiben und produzieren ihre Serien selbst, die oft autobiografisch sind. Sie sind nicht mehr der idiot friend der erhabenen Schönheit, deren Leben den Zuschauer eigentlich interessiert. Sie sind selbst die Hauptfiguren. Sie sind nicht die Kammerzofen, sondern die Herzoginnen und Prinzessinnen.

Für die CSU wird 2012 das Jahr der Hausmutti sein. Für uns ist es das Jahr der reizenden Verliererinnen. Männer haben sich das Recht erstritten, im Kino die interessant Scheiternden zu spielen. Ben Stiller , Adam Sandler , Jack Black und Vince Vaughn sind in Filmen die Männer, denen einiges misslingt, unter anderem ihr Äußeres, die aber so charmant und eigenwillig sind, dass sie am Ende den Anzugträger ausstechen und überraschenderweise Kate Winslet und Reese Witherspoon abbekommen. Jetzt dürfen auch die Frauen die Loser spielen.

Dafür müssen sie auch nicht mehr extra 13 Kilo zunehmen, die sie dann unter den Augen der gespannten Weltöffentlichkeit wieder abnehmen, wie noch René Zellweger für Bridget Jones . Lena Dunham zum Beispiel wiegt sowieso schon zu viel (im Theater gab man auch irgendwann mal das blackfacing auf: Weiße spielten Schwarze, indem sie sich schwarz anmalten). In der allerersten Szene der ersten Folge von Girls stopft Dunham sich im Restaurant Spaghetti in den Mund.

Im Hollywood-Kino hat eine Frau, die nicht perfekt aussieht, ähnliche Chancen auf Erfolg wie ein filmischer Essay über die Steiermark. Das Fernsehen aber, zumindest in den USA, ist flexibler und experimentierfreudiger, was sich in vielen erfolgreichen Serien der letzten Jahre gezeigt hat (wann schreiben Anke Engelke , Annette Frier und Martina Hill ihre eigenen Serien?). In Hollywood gibt es noch die vollkommenen Frauen, die bewundernden Männer und die lahmen Dialoge zwischen ihnen. Das Fernsehen ist viel weiter.

Das Gute an Schönheitsidealen ist, dass sie langweilig werden, sobald man sie erreicht. "Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod", sagt ein türkisches Sprichwort. Technisch ist heute Perfektion machbar. Die Möglichkeiten der Retusche sind noch lange nicht erschöpft, aber die Bilder, die dabei entstehen, sind nicht mehr interessant. Leuten zuzusehen, die Augenringe, knubbelige Knie und eine veritable Charakterschwäche haben, macht mehr Spaß.