Wer das Spieglein an der Wand fragte, welcher Beruf der sicherste im ganzen Land sei, bekam zeitweise die Antwort: "Lehrer!" Alle Zeitungen berichteten vom Lehrermangel, alle Politiker riefen nach neuen Pädagogen, und viele Abiturienten schlugen denselben Berufsweg ein: Lehramt. Etliche von ihnen konnten ihre pädagogischen Fähigkeiten später beim Umgang mit betrunkenen Fahrgästen gebrauchen, die sich in ihre Taxis verirrten. Freie Lehrerstellen? Fehlanzeige.

Wann immer Ihnen ein Beruf als der sicherste, eine Fortbildung als die gefragteste, eine Branche als die zukunftsfähigste verkauft wird, rate ich zur Skepsis. Denn es gibt eine "unübersehbare Zahl von Nachläufern", wie Cocteau schreibt. Gut möglich, dass der heutige Mangel in ein künftiges Überangebot mündet.

Dieses Phänomen hat in der Wirtschaft einen Namen: Schweinezyklus. Was taten die Züchter, wenn es am Markt einen Mangel an Schweinen und folglich hohe Preise gab? Mehr Schweine züchten, um künftig noch mehr Gewinn zu machen. Da diese Idee nicht nur einem Züchter, sondern nahezu allen kam, waren einige Jahre später ein Überangebot, sinkende Preise und herbe Verluste die Folge.

Und wie reagierten die meisten Züchter auf das Überangebot? Sie reduzierten die Zahl ihrer Tiere. Wer das nicht tat, wer also gegen den Strom schwamm, war gut dran: Ein paar Jahre später gab es nämlich wieder einen Mangel an Schweinen – und damit hohe Preise.

Daraus folgt: Wer heute ein (Zweit-)Studium antritt, sollte auch Fächer in Erwägung ziehen, die in den letzten Jahren überlaufen waren – und deshalb gerade nur von ganz wenigen angesteuert werden. Dasselbe gilt bei der Wahl einer Branche , einer längerfristigen Fortbildung oder auch beim Gründen einer Firma: Vor allem Märkte, die im Moment als überfüllt gelten, können nach einer Bereinigung wieder exzellente Chancen bieten – für den, der dann schon aufgestellt ist und nicht erst dem Trend hinterherhechelt.

Im Beruf gilt eben dieselbe Erfolgsregel wie beim Eishockey: Die besten Spieler stehen nicht dort, wo der Puck gerade ist, im Gedränge, sondern dort, wo er gleich sein wird – im freien Raum. Wer sich mehr auf seinen eigenen gesunden Weitblick und weniger auf die Einflüsterungen der Trendmacher verlässt, ist der Konkurrenz schon einen Schritt voraus.